siehe auch 2004
siehe auch weitere Verweise über Google

Rezension von Dr. Günther Wehner in Rundbrief 4/05 hier auch als PDF-Datei [282 KB]

Im Frühjahr 2004 erschien dieses lange angekündigte Handbuch, das im In- und Ausland mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen wurde. Erstmalig und gibt es ein derartig umfangreiches Nachschlagewerk über die führenden Funktionäre der KPD. Man kann sich über die Biographien von 1 400 Frauen und Männer, die im Zeitraum von 1918 bis 1945 in der KPD wirkten, grundsätzlich informieren. Künftig kann kein Historiker bzw. historisch Interessierter, der sich ernsthaft mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung beschäftigt, an dieser Publikation vorbeigehen, auch wenn in Bezug auf die Auswahl der Fakten und insbesondere deren Wertung nicht wenige Nutzer des Buches zu anderen Auffassungen als die Autoren gelangen werden. Die Historiker Andreas Herbst und Hermann Weber haben länger als ein Jahrzehnt unter günstigen Bedingungen ihre Forschungen betreiben können, das ist dem Inhalt des umfangreichen Bandes anzumerken. Die Nutzung der jetzt zugänglichen Archive ermöglichte ein fundiertes Werk zur Geschichte der deutschen Kommunisten zu schaffen.

Im Mittelpunkt des Bandes stehen die biographischen Texte (S. 45–903). Die historische Einführung erarbeitete Hermann Weber (S. 9–43). Ihr sind Tendenzen aus der Zeit des kalten Krieges anzumerken. Andreas Herbst ist für den informativen Anhang verantwortlich. Hier sind die exakten Angaben über die Parteitage und Parteikonferenzen der KPD sowie die Fakten zur Struktur der Parteibezirke, die Wahlergebnisse zum Reichstag, den Landtagen und Bürgerschaften, einschließlich der Namen der gewählten Abgeordneten, für die Nutzer der Publikation von besonderem Wert – vor allem für die eigene Forschung. Die Leser und sachkundigen Historiker erfahren viel Neues und werden angeregt für nachfolgende Untersuchungen. Viele Fakten des Buches vermitteln auch nachdenklich Stimmendes über den Umgang der KPD mit den eigenen Funktionären.

Erschreckend ist, wie viele wertvolle geistige und politische Potenzen in den immer wiederkehrenden innerparteilichen Machtkämpfen vergeudet wurden. Bedrückend sind die Angaben über jene Frauen und Männer, die dem stalinistischen Terror in der Sowjetunion zum Opfer fielen. Die Autoren ermittelten, dass von den 1 400 biographierten Persönlichkeiten über 400 gewaltsam umgekommen sind; 222 Frauen und Männer wurden von den Schergen der NS-Diktatur ermordet und 178 in der UdSSR.

Die Publikation provoziert zu nicht wenigen Fragen in Bezug auf den bisherigen Stand der Erforschung der Parteigeschichte der KPD. Allzu schnell werden bisherig geltende Details der Geschichte der deutschen Kommunisten als endgültiges Ergebnis dargestellt bzw. gewertet. Nicht wenige Wertungen der bürgerlichen Historiographie aus den fünfziger Jahren werden ohne gründliche Prüfung der jetzt offen stehenden Quellen übernommen. Sichtbar wird das an der überwiegend negativen Einschätzung der KPD unter der Führung Ernst Thälmanns. Gleiches trifft für die Geschichte der Sowjetunion zwischen 1928 bis 1945 zu. Die Auswahl der biographischen Angaben zu einzelnen Funktionären und die Einschätzung ihres politischen Wirkens sind ebenfalls nicht selten von Positionen des kalten Krieges geprägt. Deutlich sichtbar zeigt sich diese Tendenz an den Texten zu Franz Jacob (S. 334f.), Wilhelm Pieck (S. 564ff.), Ernst Thälmann (S. 782ff.) und Walter Ulbricht (S. 804ff.), um nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch erfahren die Leser des Buches viele bisher unbekannte Fakten über die Funktionäre der KPD.

Als Mitautor der Publikation „Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945 – Ein biographisches Lexikon“ konnte ich mir bisher nicht bekannte Details für die eigene Forschung nutzen. Bei der sicher schwierigen Auswahl der aufgenommenen Sachangaben fällt auf, dass markante Teile des antifaschistischen Widerstandes deutscher Kommunisten insbesondere auf internationaler Ebene fehlen. Auffallend ist auch, dass bei einer Reihe von Funktionären der KPD Unterschiede bei der Erwähnung über ihre Frauen und Kinder gemacht wurden. So wird zum Beispiel die Teilnahme der Frau und des Sohnes von Eugen Schönhaar in der Schweiz und Frankreich am antifaschistischen Widerstand nicht erwähnt. Trotz der kritischen Anmerkungen gibt das Buch viele Hinweise zur weiteren Forschung über die biographierten Frauen und Männer und bildet für eine noch zu schreibende Geschichte der KPD eine wichtige, nicht zu unterschätzende Basis.
Dr. Günter Wehner

Quelle Rundbrief 4/2005

AG Rechtsextremismus/Antifaschismus beim Parteivorstand der Linkspartei.PDS

Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte. Nr. 1 Juli 2005


Die Geschichte der KPD der Jahre 1918 bis 1945 ließe sich – so der Eindruck nach dem Lesen des umfangreichen Werkes von Herbst/Weber – kaum anders plastischer vor Augen führen als anhand der enthaltenen 1400 biographischen Skizzen. Wer sich mit diesen Biographien aus dem Führerkorps der KPD befasst, dem erschließt sich die Tragik der Entwicklung dieser Partei in allen Facetten. Hilfreich ist dabei auch der kurze Überblick, den die Verfasser voran stellen. In Wiedergabe des aktuellen Forschungsstandes werden sowohl die Gründung, die revolutionäre Phase von 1919 bis 1923, die Flügelkämpfe zwischen Rechten, Versöhnlern, Linken und Ultralinken, die zunehmende Entdemokratisierung der KPD und ihre wachsende Abhängigkeit von der Kommunistischen Internationale („Stalinisierung“) bis hin zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und zur Zeit der „Säuberungen“ in der Sowjetunion kompetent und bündig dargelegt. Umrissen wird ferner der Typus des Parteiführers, womit zugleich die Kriterien der Auswahl der in das Handbuch aufgenommenen Personen deutlich werden. Ebenfalls wertvoll ist der Anhang mit einer Übersicht der Parteitage und –konferenzen, Listen über die Zusammensetzung der Zentrale und des Zentralkomitees, über die Abgeordneten von Reichstag und Landtagen und auch einer Übersicht über die Bezirke der KPD samt verantwortlichen Leitern. Abgerundet wird das Werk durch ein aktuelles Quellen- und Literaturverzeichnis. Basis und Ausgangspunkt des Werkes sind vor allem die Untersuchungen Hermann Webers von 1969 („Die Wandlung des deutschen Kommunismus“) und 1989 („Weiße Flecken in der Geschichte“). Die hier bereits vorgestellten biographischen Skizzen wurden nun ergänzt um die Auswertung der seit 1990 zugänglichen Archivbestände der SED bzw. DDR sowie des Moskauer Komintern-Archivs; ausgewertet wurden aber ebenso zahl reiche Regionalstudien oder Biographien, die in den vergangenen 25 Jahren erschienen sind.

Anhand der Kurzbiographien, die je nach Bedeutung der Person und Quellenlage mal länger, mal kürzer ausfallen, lassen sich neben Geburts- und Sterbedaten Angaben zur sozialen Herkunft, zu Bildung und Beruf, zur politischen Sozialisation, zum Schicksal während des Nationalsozialismus und zur Zeit nach 1945 finden. Deutlich wird, dass der „klassische“ Weg in die KPD über die Sozialisation in einer Arbeiterfamilie lief. Viele der aufgeführten Männer und Frauen waren kurz vor oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg bereits Mitglied der SPD oder einer freien Gewerkschaft. Sie fanden über die USPD in die KPD. Andere, vor allem diejenigen mit sog. bürgerlichem Hintergrund, wurden durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges radikalisiert, fanden aber ebenfalls in

der Regel über die USPD in die KPD. 400 der 1400 aufgeführten Personen wurden Opfer politischer Verfolgung: 222 fielen dem Terror Hitlers, 178 als „Abtrünnige“ oder „faschistische und trotzkistische Agenten“ dem Terror Stalins zum Opfer.

Das hervorragende Handbuch bietet alles, was von einem solchen erwartet wird. Es spiegelt den aktuellen Forschungsstand, es bietet eine Fülle an Informationen, es beinhaltet einen wichtigen Überblick und zusätzliches Material und – es ist zudem noch außerordentlich lesbar und verständlich geschrieben. Für die historische Kommunismusforschung bedeutet das Werk von Herbst/Weber ohne Zweifel einen Meilenstein. Für an der lippischen Zeitgeschichte Interessierte finden sich acht Biographien, die im Zusammenhang mit der Region stehen: der in Detmold geborene und vermutlich 1934 in der Sowjetunion erschossene bayerische Landtagsabgeordnete August Hagemeister (S. 281), der in Lage geborene Stettiner Reichstagsabgeordnete Wilhelm Obendiek (S. 543), der im März 1933 in Lage festgenommene preußische Landtagsabgeordnete Heinrich Schmidt (S. 675), der lippische Landtagsabgeordnete Adolf Scholz aus Lemgo (S. 694), der die KZ-Haft überlebte und nach 1945 Vorsitzender des SED-Kreisverbandes Löbau war, die in Horn geborene Hanna Weber, verheiratete Staubes (S. 757), die als Solinger Stadtverordnete und preußische Landtagsabgeordnete 1933 ins KZ kam und 1947 Abgeordnete des Landtages NRW war, der lippische Landtagsabgeordnete Wilhelm Vehmeier aus Pivitsheide (S. 814), der während der NS-Zeit in Zuchthaus und „Schutzhaft“ saß und von 1945-47 wiederum Mitglied des lippischen Landtages war, der in Horn geborene Hermann Weber (S. 843), der 1930 Oberbürgermeister von Solingen war, im August 1932 nach Odessa in die Sowjetunion emigrierte und dort 1937 erschossen wurde, sowie der Oerlinghauser Stadtverordnete und Bielefelder Parteifunktionär August Weisheit (S. 854), der nach Zuchthaus 1935 nach Frankreich emigrierte.

Jürgen Hartmann

Deutsche Kommunisten

Buchbesprechung in AVANTI Januar 2005 (Zeitung des RSB Revolutionär Sozialistischer Bund /IV Internationale)


Zeitung des RSB / IV. Internationale

Das biographische Handbuch Deutsche Kommunisten (1918 bis 1945) von Hermann Weber und Andreas Herbst ist mehr als nur ein Nachschlagewerk. Über den politischen Werdegang damaliger AktivistInnen zeigt es die Bedeutung einer kommunistischen Partei für heute auf.

Das Handbuch umfasst die Biographien von 1.400 FunktionärInnen der KPD zwischen 1918 bis 1945. Liest mensch sich die Biographien durch, so wird zu allererst die gewaltige Arbeit der Aufklärung und politischen Erziehung deutlich, die die Kommunistische Partei in der Weimarer Republik leistete. Sie förderte eine Avantgarde aus KämpferInnen des Proletariats – ein hier wirklich zutreffender Ausdruck. Die KPD half diesen ArbeiterInnen, ihr Bewusstsein auf ein neues politisches Niveau zu heben und zu neuen Menschen zu werden. Dieser Emanzipationsprozess im besten sozialistischen und humanistischen Sinne, selbst nur ein Spiegelbild der breiten kommunistischen Bewusstseinsarbeit innerhalb der Klasse, ist nur mit der Arbeit der SPD in ihrer revolutionären Phase 1878 bis 1906 unter Bebel, Wilhelm Liebknecht, Kautsky und Rosa Luxemburg zu vergleichen.

Emanzipation und Degeneration

Die Biographien machen aber auch deutlich, dass der Emanzipationsprozess der AktivistInnen während der Kampfzeit der KPD (1918 - 1923) mit Beginn einer vorübergehenden Stabilisierungsphase des Kapitalismus zusehends vom Degenerationsprozess der Stalinisierung überlagert wurde. Sie verlangte von diesen gesellschaftskritischen Kadern, die zu AgitatorInnen, PropagandistInnen und OrganisatorInnen ausgebildet worden waren oder wurden, sich den jeweiligen Direktiven und „Linien“ aus Moskau bedingungslos zu unterwerfen. Fast jede Kritik an Stalin/Thälmann wurde mit Ausschluss oder Absetzung bestraft. Wer deshalb lieber der vorgegebenen Linie folgte, dem/der war das Rückgrat gebrochen. Darüber geben ansatzweise die Biographien Ewerts und Gerhart Eislers Aufschluss, die mit Ernst Meyer die Apparatfraktion der Versöhnler führten. Sie traten 1928 gegen die ultralinke Linie der Stalin-Thälmann für die Einheitsfront mit der SPD und für kommunistische Fraktionsarbeit in den Gewerkschaften ein, um dann nach dem Tode Meyers im Februar 1930 zu kapitulieren und sich der Einheitsfrontpolitik „nur von unten“, dem Kurs auf eigene revolutionäre Gewerkschaften und später der Sozialfaschismustheorie zu unterwerfen.
Anpassung konnte sich durchaus auszahlen. Schließlich bot die KPD Ende der 20er Jahre ca. 5.000 bezahlte Stellen vom hauptamtlichen ZK-Mitglied bis zur/m Mitarbeiter/in einer Konsumgenossenschaft. Dieser aufgeblähte bürokratische Apparat stellte 20 Prozent aller FunktionärInnen. Mit ihm beherrschte die Thälmannführung das Funktionärscorps und darüber die Partei (S. 27).
Hatten die FunktionärInnen mit wenig linientreuer Biographie auch noch das Pech, später vor Hitler in die Sowjetunion zu flüchten, dann wurde der frühere Widerspruch gegen die Parteiführung in vielen Fällen mit der Kugel beantwortet. Von den 1.400 angeführten KPD-Mitgliedern wurden 222 Opfer des Faschismus und 178 des Stalinismus (S. 42).

Linkskommunistische Tradition

Ausgangspunkt des proletarischen Linkskommunismus, aus dem der Trotzkismus in Deutschland hervorging, war die Kritik an der verpassten „deutschen Oktober“ Revolution 1923. Leider scheint die Kombination der Jahre „1921“ und „1923“ für die Sicht der beiden Autoren auf die Geschichte der KPD kaum eine Bedeutung zu haben (S. 12 f.). Damals gelang es der Führung der KPD um Brandler, Stöcker, Fröhlich und Thalheimer die kommunistische Partei in nur 2 ½ Jahren völlig zu ruinieren. Die KPD verlor durch die ultralinke Märzaktion 1921 allein 209.000 Mitglieder und durch das Verpassen der revolutionären Situation im Oktober 1923 noch einmal 200.000 Mitglieder.
Mit Webers/Herbsts Unterscheidung einer „realpolitischen“ und einer „radikalen linken“ Grundströmung in der KPD (S. 18) kann mensch einiges erklären. Die Frage wird jedoch da spannend, wo sie für die Autoren aufhört: Warum bildete sich in der KPD nach dem Tod Rosa Luxemburgs nie eine revolutionär-marxistische Leitung heraus? Wie Trotzki in seiner Kritik des Programms der Kommunistischen Internationale hervorhob, stieß sich jede Leitung der KPD an ihrer falsch eingeschätzten Entwicklung des Kapitalismus die Köpfe ein und wurde von der nächsten Leitung abgelöst. So konnte die Führung der KPD nicht einmal unterschiedliche Erfahrungen verarbeiten und Fehler korrigieren. Aber hätte sie es denn gekonnt, wenn sie dazu die Gelegenheit gehabt hätte?
Eine Anregung für weitere Nachforschungen sind die Biographien von Linkskommunisten in der späteren DDR wie von Erich Besser in Dessau und Otto Weber in Rathenow, die sich nie dem Stalinismus beugten. Dass bei 1.400 Biographien auch die eine oder andere wichtige vergessen werden kann, ist demnächst mit der Erinnerung an den 50. Todestag von Josef Schmitz zu belegen. Denn schließlich ist Webers/Herbsts Handbuch eine Aufforderung, sich weiter mit der Geschichte des kommunistischen Arbeiterbewegung auseinanderzusetzen.




B.B.





Quelle:
Avanti Nr. 117/11. Jahrgang v. 3. 1. 2005
Zeitung des RSB / IV. Internationale







Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin: Karl Dietz 2004, 992 S., ISBN 3-320-02044-7, EUR 49,90

Rezensiert von:
Hartmut Mehringer
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

Vor über 35 Jahren, 1969, erschien Hermann Webers große zweibändige Untersuchung "Die Wandlung des deutschen Kommunismus". Trotz weniger früherer einschlägiger Arbeiten - wie etwa Ossip K. Flechtheims "Die KPD in der Weimarer Republik" (1948) und Siegfried Bahnes Studie über die KPD in dem für die damalige Parteienforschung grundlegenden Sammelband über "Das Ende der Parteien 1933" von Erich Matthias und Rudolf Morsey (1960) - bildete diese Untersuchung in mehrfacher Hinsicht einen historiografischen Meilenstein: Sie gab der Geschichtsschreibung der deutschen Arbeiterbewegung, die sich in der Folgezeit in breitem Rahmen entwickelte, einen bedeutenden Schub, befruchtete entscheidend die wenig später einsetzende historische Spezialdisziplin Exilforschung 1933-1945 und lieferte - last but not least - der damaligen Studentenbewegung bei ihrer Suche nach historischen Traditionen vor 1945 und vor 1933 wesentliche Orientierungshilfen, ohne allerdings das alsbaldige Abgleiten zahlreicher ihrer Vertreter in unfruchtbares Linkssektierertum verhindern zu können. Zwar konzentrierte sich Webers damalige Untersuchung auf die Weimarer Republik, in engerem Sinn sogar nur auf die Jahre 1924-1929; entscheidendes Novum war jedoch die in Band 2 präsentierte umfangreiche Sammlung von über 500 Funktionärsbiografien des KPD-Führungskorps. Diese umfassten die gesamte Lebensspanne der ausgewählten Protagonisten und bezogen somit auch Widerstand und Exil nach 1933 sowie die politische Geschichte der Nachkriegsjahrzehnte mit ein. Zentrales, vom Autor nachdrücklich beklagtes Quellendesiderat bildete die Tatsache, dass Archive sowie Partei- und Behördenregistraturen der damaligen DDR unzugänglich blieben und auf Anfragen nicht reagierten. Nichtsdestoweniger konnte der Autor schon damals feststellen, dass dem stalinistischen Terror im sowjetischen Exil nach 1933 mehr führende deutsche Kommunisten zum Opfer gefallen waren als dem nationalsozialistischen Verfolgungsapparat.

Mit der Implosion des realsozialistischen Systems in Europa vor gut anderthalb Jahrzehnten, das zur Öffnung nicht nur der Archive der ehemaligen DDR, sondern auch (zumindest zu einem guten Teil) der früheren sowjetrussischen Archive führte, nahm Hermann Weber den Faden der biografischen Untersuchungen erneut auf. Bereits 1989 erschien seine inzwischen mehrfach neu aufgelegte und erweiterte Studie über die "Weißen Flecken" in der DDR-Geschichtsschreibung, die sich speziell mit der Untersuchung der Opfer des stalinistischen Terrors unter den deutschen Kommunisten befasst. Mit dem jetzt erschienenen Biographischen Handbuch des deutschen Kommunismus 1918-1945, das die Biografien von 1400 in diesen knapp drei Jahrzehnten führenden Kommunisten umfasst, liegt nun erstmalig ein wirklich umfassendes, auf breiter, nicht durch politische Systemkonflikte eingeengter Quellenbasis beruhendes biografisches Standardwerk vor. Ihm kommt vor allem die Fülle der im ehemaligen Parteiarchiv der SED enthaltenen Daten und Informationen zugute, die heute im Archiv der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv Berlin (SAPMO) offen gelegt sind.

Die Aufnahmekriterien sind breit ausgerichtet. Es sollten nicht nur die führenden Funktionäre der Partei im engeren Sinne (also Zentrale- bzw. ZK- und Politbüro-Mitglieder, deutsche Mitglieder der Komintern-Institutionen etc.) aufgenommen werden, sondern auch die Pol- und Org-Leiter der 27 Parteibezirke, die Agitprop- sowie die Gewerkschaftssekretäre, die ZK-Abteilungsleiter, die Chefredakteure und Redakteure des Zentralorgans "Die Rote Fahne", die Chefredakteure der regionalen KPD-Blätter, die Reichstags-, Landtags- und Bürgerschaftsabgeordneten sowie - besonders wichtig - die führenden Funktionäre der zahlreichen Massenorganisationen, die illegalen Führungsfunktionäre nach 1933 (ein besonders heikles Kapitel). Zu diesen gehören die Teilnehmer der "Brüsseler" Konferenz in Moskau 1935 und der "Berner" Konferenz 1939 in Draveil bei Paris sowie die leitenden Funktionäre der verschiedenen auf geheimdienstlicher Basis organisierten, zumeist nicht einmal formell als KPD-Mitglieder registrierten Funktionäre der kommunistischen "Militär"-, "Zersetzungs"- und "Nachrichten"-Apparate, die vor allem in der Kriegszeit sehr rasch den Komintern- bzw. den sowjetrussischen Geheimdiensten verpflichtet waren. Hier fallen durchaus Lücken auf, die vermutlich vor allem darauf zurückzuführen sind, dass die Letztgenannten und sonstige "fellow travellers" wie etwa Hubert von Ranke in die KPD- bzw. SED-Parteiregistratur aus konspirativen Gründen nicht aufgenommen wurden und insofern nicht aufscheinen.

Das Biographische Handbuch der deutschen Kommunisten beschränkt sich verdienstvollerweise auf den gesetzten Zeitrahmen 1918-1945. So ist, um prominente Beispiele herauszugreifen, natürlich Walter Ulbricht mit seiner gesamten Lebensspanne (1893-1973) vertreten, nicht aber Erich Honecker (1912-1994), der im fraglichen Zeitraum die Aufnahmekriterien in das Handbuch nicht erfüllte. Hermann Weber hat - zusammen mit Andreas Herbst - mit diesem Band erneut einen historiografischen und biografiegeschichtlichen Meilenstein vorgelegt und damit einmal mehr Hans-Ulrich Wehler widerlegt, der noch vor gut 30 Jahren eine "Krise der politischen Biografie" konstatierte und auf Grund der "Durchschlagskraft von Kollektivphänomenen" einem biografischen Zugriff auf historische Entwicklungen keinen Erkenntnisgewinn mehr einräumte.

Leise Kritik bleibt dennoch anzumelden. Selbstverständlich konnten die Herausgeber nicht alle 1400 Biografien selbst abfassen, sondern stützten sich zunächst auf die - im Lichte der neuen Quellen kritisch überprüften, ergänzten und korrigierten ca. 500 Biografien aus "Die Wandlung des deutschen Kommunismus", Bd. 2, sowie die "Weißen Flecken". Ein erheblicher Teil der Biografien wurde neu erstellt. Im Anhang ist eine außerordentlich eindrucksvolle Liste der benutzten Archive, Quellen, Protokolle, Handbücher etc. sowie der inzwischen erschienenen Literatur aufgeführt. Nichtsdestoweniger entsteht mitunter der Eindruck, man habe sich doch hin und wieder ohne weitere kritische Nachfrage auf die in der SAPMO vorliegenden KPD-Kaderakten verlassen.

Hierzu nur ein besonders signifikantes Beispiel: Karl Frank (1893-1969), in der Weimarer Zeit zunächst KPÖ-, dann KPD-Mitglied und in zahlreiche spektakuläre Aktionen verwickelt, spielte spätestens ab 1933 eine führende Rolle in der linkssozialistischen Gruppe "Neu Beginnen". Er war deren Auslandsleiter in Prag und nach der Spaltung, die 1935 die frühere Führung unter Walter Loewenheim entmachtete, der führende Kopf dieser Gruppe bis 1939, als er in die USA emigrierte und auf Grund der Kriegsereignisse die Verbindung zur in London verbliebenen "Neu Beginnen"-Zentrale allmählich verlor. Der Name "Neu Beginnen" taucht in der Handbuch-Biografie Karl Franks nur abseitig in einer Klammer auf, ansonsten wird er - entsprechend dem damaligen internen KPD-Vokabular - als Mitglied der "Miles-Gruppe" geführt. Dem in den Finessen sozialistischer und kommunistischer Exilpolitik nach 1933 Bewanderten ist dieser Begriff nicht fremd; er geht darauf zurück, dass Walter Loewenheim, 1933 noch unbestrittener Kopf der Gruppe, seine Programmschrift "Neu beginnen!", die der Gruppe ihren späteren Namen gab, im August 1933 im Graphia-Verlag des sozialdemokratischen Exil-Parteivorstands in Karlsbad unter dem Pseudonym "Miles" veröffentlichen konnte. Für den weniger Kundigen wären hier - ein Blick z. B. ins "Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933" hätte genügt - einige zusätzliche Informationen nützlich gewesen.



Hartmut Mehringer: Rezension von: Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin: Karl Dietz 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: <http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/10/3821.html>

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