siehe auch weitere Verweise über Google

Rezension v. Eberhard Czichon, Historiker

Das von Hermann Weber und Andreas Herbst herausgegebene Handbuch «Deutsche Kommunisten» enthält 1 400 Biographien von Funktionären der KPD. Es umfasst den Zeitraum von 1918/19 bis 1939/1945. Das Handbuch erhebt den Anspruch, vom Politbüro bis zur Bezirksebene alle leitenden Kader des Parteiapparates einschließlich der Parlamentarier (Reichstags-, Landtags- und Bürgerschaftsabgeordnete), der Chefredakteure der Parteipresse und der Leiter der Massenorganisationen zu er fassen. Aufgenommen wurden darüber hinaus ausgewählte kommunistische Kulturschaffende, Mitarbeiter der Nachrichten- und der Militärpolitischen Abteilungen sowie die Teilnehmer am Gründungsparteitag und an dem 13. und 14. Parteitag, der «Brüssler“ und «Berner» Konferenz von 1935 und 1939. Trotz der großen Anzahl der Kurzbiographien ist es nicht gelungen, die von den Autoren selbst vorgegebenen Kriterien (S. 45-49) zu erfüllen. Viele Lebensläufe fehlen. Offenbar wurde die Vollständigkeit auch nicht ernstlich angestrebt. Der Rezensent kann sich des Eindrucks nicht entziehen, dass es Weber darauf ankam, vor allem Dissidenten und Relegierte der KPD zu erfassen sowie die Funktionäre von Oppositionsgruppen, Fraktionen und Parteiabsplitterungen. Insgesamt liegt von der Konzeption her eine erweiterte und stark (vor allem durch Andreas Herbst) überarbeitete und ergänzte Neuauflage des 2. Bandes von Webers «Wandlung des deutschen Kommunismus» (von 1969) vor.

Das Hauptverdienst des Handbuches besteht darin, dass es Hunderte Kommunisten und Antifaschisten der Vergessenheit entreißt. Zwar sind nicht alle Kurzbiographien sachliche Würdigungen ihres Kampfes gegen Faschismus und kapitalistische Ausbeutung, dennoch wird der Kampf und die große Opferbereitschaft bekannter deutscher Kommunisten deutlich, die sie für eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg aufbrachten und die in der Gründung der DDR ihre Erfüllung fand. Eingeschlossen in diese Würdigung sind die widersprüchlichen Probleme des Klassenkampfes auf einer individuellen Ebene. Und hier setzt Webers Kalkül ein. Er versucht, diese Biographien für seine sattsam bekannten antikommunistischen Thesen aus seiner 1969 erschienenden Dissertation zu instrumentalisieren. Bewiesen werden soll: die wachsende Abhängigkeit der KPD von der Kommunistischen Internationale, dass Thälmann seiner Funktion als Parteivorsitzender nicht gewachsen war, seine Unterwerfung unter Stalin, was zur Stalinisierung der KPD führte.

Seine Vorgehensweise hat zwei Ebenen. Einmal ist es die Einleitung, zum zweiten ist es die Selektion der Biographien, ihre sehr unterschiedlichen Gliederungen sowie ihre erheblich ungleichen Umfänge. Auf Quellenangaben verzichteten die Autoren in Biographischen Hauptteil des Bandes grundsätzlich, was nicht nur eine Deutungsmethodik ermöglicht, die in einzelnen Fällen massiven Fälschungen Vorschub leistet, sondern auch eine wissenschaftliche Überprüfung der vorgelegten Deutungen oder Fakten erheblich erschwert. An Hand der Berliner Akten des Bundesarchivs und des Landesarchivs Berlin konnte ich nur 10 Prozent der Biographien überprüfen, wobei teilweise beträchtliche Datenmängel und Auslassungen festgestellt wurden, auf die in einer Rezension im Detail nicht eingegangen werden kann. Wenn auch bei der vorliegenden Größenordnung Datenfehler unvermeidlich scheinen, so belasten sie jedoch zusammen mit den subjektiven Deutungen, den politischen Verzerrungen und zielgerichteten politischen Diffamierungen die Zuverlässigkeit anderer Biographien erheblich. Erwähnt sei nur als Beispiel, dass Irma Thälmann nicht wie behauptet 1998 als Kandidatin für die DKP zur Bundestagswahl antrat (S. 785), sondern für die KPD. Auf weitere Datenfehler und auf einige der skandalösen Verfälschungen hat schon Nick Brauns in der Pfingstausgabe 2004 der «Jungen Welt“ (S. 6) aufmerksam gemacht. Das betrifft vor allem die Legendenbildung um Max Hoelz und die skandalösen Diffamierungen und Fälschungen von Wilhelm Piecks Vita, die noch durch die infame Niedertracht gegenüber Ernst Thälmann überboten wird. Sie veranlassten selbst den Berliner Kurier vom 9.8.2004 zu der Bemerkung, dass sich das «Handbuch» teilweise wie eine Abrechnung liest und wie eine Grabbeschmutzung Thälmanns wirkt. Daher bleibt es völlig unverständlich, dass ausgerechnet in der «Jungen Welt“ in ihrer Ausgabe vom.l8. 8.2004, S. 10/11, Harald Jentsch die Möglichkeit gegeben wurde die Verleumdungen Webers zu Thälmann nicht nur zu übernehmen, sondern sie noch zu überbieten.

Weit entfernt von jeder Quellenkritik werden in vielen Biographien unzählige, nicht bewiesene Behauptungen, Unterstellungen mit Tratsch und Verdächtigungen bzw. Vermutungen verarbeitet, wobei auch vor Denunziationen (wie u. a. bei Hermann Dinow, Wilhem Knöchel, Walter Ulbricht) nicht zurückgeschreckt wurde.

Sachliche Fehler oder erhebliche Auslassungen enthalten (um auch hier nur einige Beispiele zu nennen) die Darstellungen über Julian Marchlewski, Heinrich Fomfera, Christoph Wurm, Wilhelm Hein, Karl Jannack, Alfred Kurella, Ernst Schneller, Heinz Neumann und Hermann Schubert. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Auf das umfassende Erinnerungsarchiv des ehemaligen IML im Bundesarchiv hat Weber vorsichtshalber nicht zurückgegriffen. So bleiben seine kaderpolitischen Theoreme von Abtrünnigen weitgehend eine in tolerante und subjektive Polemik ohne jeden wissenschaftlichen Wert.

Wenn viele Kurzbiographien sachlich gehalten sind, ist dies weitgehend auf die Arbeit von Andreas Herbst zurückzuführen. Das weist ein Vergleich mit Webers (biographischen) Band der «Wandlungen des deutschen Kommunismus» aus und wird überdies in verschiedenen Widersprüchen in einigen Angaben zwischen den einzelnen Biographien erkennbar. Das ist ein Ergebnis, wenn mit Eifer versucht wird, marxistische Lebensbilder umzudeuten, wovon auch das Kapitel über Rosa Luxemburg zeugt. Von einem Niveau der strengen Sachlichkeit und wissenschaftlichen Zuverlässigkeit, wie sie beim 10-bändigen Biographischen Lexikon des Widerstands in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945 (Trafo Verlag Berlin 2004) erreicht wurden, ist das «Handbuch» weit entfernt.

Seine wissenschaftliche Ignoranz dokumentiert Weber vor allem in seiner Einleitung.

Obgleich ein offener Zugang zu wesentlichen Archivbeständen zur Geschichte der KPD möglich ist, verharrt der Altmeister des Antikommunismus bei seinem politisch motivierten Alt-Thesengebäude. Die interessanten Wechselbeziehungen zwischen dem ZK der KPD und dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI), in dem stets KPD-Repräsentanten mitgearbeitet haben, sind für Weber nicht der Mühe wert, sie zu untersuchen. Er ersetzt eine notwendige Analyse durch sein simples, ex cathedra fundamentiertes Stalinismus-Axiom. Das entschuldigt freilich nicht die Hilflosigkeit der DDR-Forschung diesem Thema gegenüber. Beim «Wissenschaftler“ Weber reduziert sich das Verhältnis von ZK und EKKI auf einen linearen Befehlsempfang von Moskau, der bis zu dem Unsinn gesteigert wird, dass die Komintern-Leitung den Einsatz der Funktionäre in Deutschland bestimmte (S. 35). Weber ignoriert nicht nur die Kl-Statuten, sondern auch die Protokollbände des Sekretariats des ZK der KPD, das diese Kadereinsätze jeweils beschlossen hat. Entsprechend den Kl-Statuten konnten lediglich gewählte ZK-Mitglieder der einzelnen Sektionen nicht ohne Zustimmung der EKKI-Organe abgesetzt werden.

Seinem Stalinismus-Postulat fügt Weber ein zweites hinzu: er dogmatisiert das Ringen um eine kommunistische Strategie und Taktik. Zweifellos war die Herausarbeitung der Strategie und Taktik der Kl und ihrer einzelnen Sektionen ein komplizierter Prozess, der nicht ohne heftige Diskussionen und nach Lenins Tod auch nicht immer solidarisch erfolgte, wie die Protokolle des EKKI ausweisen. Nun kann von Weber freilich nicht erwartet werden, dass er die einzelnen Etappen erforscht, die Bemühungen einzelner Parteien oder Funktionäre um eine Leninsche Linie würdigt, dazu müsste er bereit sein, sich zu überwinden und eine kommunistische Werteskala anzuerkennen. Und so wendet der «Forscher» Weber allerlei «Tricks» an. Dazu gehört, dass er Dokumentenbände zusammenstellt, in denen wichtige Aktenstücke fehlen (hier ist auch Manfred Behrend in seiner Rezension zum Band «Deutscher Oktober 1923» hereingefallen oder dass er Renegaten zu aufrechten Kommunisten aufwertet, denen gegenüber bei ihm andere Kommunisten zu Stalinisten, Karrieristen, rücksichtslosen Gewaltmenschen und Rabauken stigmatisiert werden (vgl. S. 29/30). Es liegt in der Sicht Webers, dass Kommunisten um keine ernsthaften politischen Probleme ringen können. Hierzu kommen dann noch die bewussten Verzerrungen der innerparteilichen Entwicklung und eine Ignoranz gegenüber der Parteibasis. Das fällt deswegen auf, weil zu dieser Problematik gründlich erarbeitetes Material der Org-Abteilung des ZK der KPD vorliegt.

Überhaupt macht Weber sein Unverständnis für die Wechselbeziehung zwischen der Parteileitung und der Mitgliedschaft immer wieder deutlich, was dazu führt, dass er keinen einheitlichen Typ deutscher Kommunisten erkennen kann(S. 31). Auch die von ihm vorgelegten statistischen Angaben zum Politbüro (weitgehend aus seinen «Weißen Flecken» übernommen) bleiben ein wissenschaftlicher Torso, weil er nicht die ganze Leitungsstruktur in ihrer exakten Entwicklung und ihr Zusammenwirken mit ihrer Beziehung zur Parteibasis behandelt. Aber eine solche Analyse passt nicht in Webers politisches Konzept. Seltsam wirkt die Bezeichnung «Arbeitnehmer» (5. 40) unter den weiteren Termini zur Kaderauslese infolge der «Stalinisierung». «Vergessen» hat Weber auch, dass das Politbüro im Januar 1937 aufgelöst wurde und an seine Stelle ein neu zusammengesetztes Sekretariat trat. Bei ihm bestand das Politbüros bis 1945 ungebrochen weiter. So «gründlich» ist Weber in vielen anderen Fragen auch.

Bei seinen Literaturangaben bemüht sich Weber nicht um wissenschaffliche Normen sondern bleibt bestrebt, seine Daten (bis auf wenige dekorative Ausnahmen) vorwiegend aus Veröffentlichungen oppositioneller Gruppen zu schöpfen und geht mit dem zitierten Archivmaterial sehr selektiv um (was nicht in Webers «Generallinie» passt, wird nun einmal einfach weggelassen).

Weber hat - angesichts der vorhandenen zugänglichen Archivmaterialien wird das besonders deutlich - nur einmal mehr bewiesen, dass ein Antikommunist nicht zugleich Wissenschaftler sein kann.

Eberhard Czichon

Kommentar dazu im Gästebuch möglich











November 2004:
Mitteilungen Heft 42 Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V. - KZ-Gedenkstätte-


Lebensbilder deutscher Kommunisten bis 1945
Weber, Hermann; Herbst, Andreas:
Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945 Berlin (Dietz) 2004; 992 S., 49,00 €

„Deutsche Kommunisten, was ist das?“, fragte mich kürzlich eine Ulmer Abiturientin mit der Note 1 in Geschichte, und fügte glänzenden Auges hinzu: „Waren die 68er welche?“
Meine Antwort war etwas weit schweifig und ich rettete mich schließlich mit dem Hinweis, dass mindestens die Hälfte der Häftlinge im frühen württembergischen Landes-KZ auf dem Oberen Kuhberg Mitglieder der KPD waren und dass die meisten weiteren Häftlinge - etwa als Sozialdemokraten- verschiedene Berührungspunkte mit dieser Partei hatten. D.h., um die politischen Weltbilder und Ziele der Kuhberg-Häftlinge, und somit einen wichtigen Teil ihrer Per-sönlichkeit kennen zu lernen, ist eine gute Kenntnis der KPD-Geschichte wichtig.
Und dazu ist das vorliegende Buch ein hervorragender Beitrag. Es vereinigt nicht nur die in der Regel verschlungenen, oftmals gebrochenen Biographien von 1.400 deutschen Kommunisten, d. h. des gesamten Führungskorps der Partei von ihrer Gründung bis zum Untergang des NS-Regimes 1945. Vielmehr kommen auch Erläuterungen dazu zur Gesamtentwicklung der Partei in diesem Zeitraum, besonders die Wandlung „zur Partei sowjetischen Typs“ und „die Auswirkungen des national-sozialistischen und des stalinistischen Terrors“. Die Gremien und gewählten Repräsentanten in den deutschen Landtagen und im Reichstag der Weimarer Zeit samt einem hervorragenden Personen- und Quellenregister runden den Band ab. Da finden sich dann auch die Biographien von bedeutenden württembergischen Kommunisten, die zum Großteil auch in die KZs Heuberg und Kuhberg verschleppt worden waren. Einige Namen: Karl Bittel, Albert Fischer, Alfred Haag, Kerl Keim, Gustav Köhler, Richard Scheringer, Karl Schneck, Ernst Schumacher, August Thalheimer, Jacob Walcher.
Allerdings: die KPD als Einheit gab es nur im Blick von außen, und das lässt der biographische Ansatz des Buches ganz hervorragend erkennen: da waren permanente Flügelkämpfe der verschiedenen Richtungen, von Jahr zu Jahr oder von Parteitag zu Parteitag, sowie auch regional höchst unterschiedliche und veränderliche Positionen. „Herkunft und Sozialisation, politische Aktivitäten und Karrieren“ jedes Einzelnen, heißt es im Vorwort, werden ebenso beschrieben „wie Opposition oder Anpassung an die jeweilige Parteilinie, Einsatz für die KPD oder Bruch mit ihr sowie Verfolgungen bis hin zum häufig tragischen Lebensende.“
Die beiden Autoren, der große alte Mann einer KPD-Geschichtsschreibung jenseits DDR-verpflichteter Mythen, Hermann Weber, und der gleichermaßen wissenschaftlich renommierte Andreas Herbst, haben ein Buch vorgelegt, das Geschichte schreibt, aber auch Geschichte machen wird. Die Leser sind zu Ergänzungen und Korrekturen aufgerufen, weshalb dieser ersten Auflage sicher noch weitere folgen werden. (sl)



09.08.2004 Berliner Kurier

Manuela Radvan
SCHMUTZIGE ENTHÜLLUNGEN ÜBER ERNST THÄLMANN ZU SEINEM 60. TODESTAG

Findet Teddy denn niemals seinen Frieden? Biografen beschimpfen ihn als Lump und verwirrten Trinker Berlin - Seine Legende hat viele durch die Kindheit begleitet. Teddy, der Widerstandskämpfer, war Vorbild der Pioniere mit den erst blauen, dann roten Halstüchern. Vor knapp 60 Jahren wurde er ermordet.

Für einige ist er ein Held, für die Autoren Hermann Weber und Andreas Herbst ein politischer Lump und Trinker. Er hat gegen Hitler gekämpft und den Widerstand mit seinem Leben bezahlt. Jetzt kippen Hermann Weber und Andreas Herbst Schmutz über ihn aus. In ihrem Buch "Deutsche Kommunisten" schreiben sie über Teddy: "Ein Opportunist reinsten Wassers, der an einer an Größenwahn grenzenden Einbildung leidet, unter Einfluss von Alkohol nicht die geringsten Hemmungen kennt". 1400 Biografien führender KPD-Mitglieder haben die Autoren in dem Buch aufgeführt.
Darunter Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg. Schonungslos gehen sie mit den einstigen DDR-Legenden ins Gericht. Doch besonders kratzen sie am Bild von Thälmann. "Die DDR hat ihn in den Himmel gehoben und wir wollten das Bild wieder gerade rücken", erklärt Hermann Weber (75) seine Kritik an Ernst Thälmann. Jetzt zu seinem 60. Todestag wirkt dieses Buch wie Grab-Beschmutzung. Sie schreiben, er sei seiner Funktion damals "geistig und politisch nicht gewachsen" gewesen. Doch die Autoren sollten sich erstmal an die eigene Nase fassen. Julian Marchlewski beerdigen sie in ihrem Buch drei Jahre vor seinem Tod . . .

BU: Ernst Thälmann saß für seinen Kampf 11 Jahre im Gefängnis, wurde am 18. August 1944 hingerichtet. Nun wird er als Trinker, politischer Lump und Dummkopf bezeichnet. BU: Hermann Weber (75, F. ) und Andreas Herbst brachten "Deutsche Kommunisten" im Karl Dietz-Verlag heraus. Was als Handbuch gedacht war, liest sich teilweise wie eine Abrechnung.



29. Mai 2003 Junge Welt

Kadergeschichte
Das biographische Handbuch zur KPD-Geschichte von Hermann Weber und Andreas Herbst
Nick Brauns

Eine Kollektivbiographie des kommunistischen Parteikaders zwischen 1919 und 1945 haben der Mannheimer Kommunismusforscher Hermann Weber und der Berliner Historiker Andreas Herbst mit dem Handbuch "Deutsche Kommunisten" vorgelegt. Herkunft und Sozialisation, politische Aktivitaeten und Karrieren der KPD-Fuehrungspersonen werden ebenso beschrieben wie die Haltung zur jeweiligen Parteilinie, Verfolgung und Widerstand sowie die Tatsache, dass viele von ihnen einen gewaltsamen Tod als Opfer von Hitler oder Stalin fanden.

Das im Berliner Karl Dietz Verlag erschienene Buch konnte auf eine Reihe von Vorlaeufern zurueckgreifen. Bereits 1969 veroeffentlichte Weber im Ergaenzungsband seiner "Wandlung des deutschen Kommunismus" sowie zwanzig Jahre spaeter in "Weisse Flecken in der Geschichte" Hunderte Kurzbiographien kommunistischer Funktionaere. Das Institut fuer Marxismus-Leninismus (IML) beim ZK der SED hatte 1970 als Ergaenzung zur von Walter Ulbricht redigierten achtbaendigen "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" ein "Biographisches Lexikon" vorgelegt. Da die zahlreichen Opfer der Stalinschen "Saeuberungen" durch ein kryptisches "in der Sowjetunion verstorben" deutlich wurden und einige "Unpersonen" wie Willi Muenzenberg in den Augen der SED-Fuehrung zu positiv dargestellt waren, wurde das Buch bald zurueckgezogen. Biographien von Funktionaeren der "rechten" KPD-Opposition um Heinrich Brandler legte Theodor Bergmann 1987 und in erweiterter Form 2001 in "Gegen den Strom" vor. Ueberprueft und ergaenzt werden konnten all diese Lebenslaeufe in den letzten Jahren mit Hilfe der vor 1990 nur begrenzt zugaenglichen Archive der SED sowie der Kommunistischen Internationale in Mos-kau.

"Deutsche Kommunisten" enthaelt 1 400 Portraets. Aufgenommen wurden die der Teilnehmer des KPD-Gruendungsparteitages, fuehrender Funktionaere von der Bezirksebene bis zum Politbuero, deutscher Vertreter in der Komintern, von Chefredakteuren der Parteipresse, Reichs- Landtags- und zum Teil Buergerschaftsabgeordnete, Leiter von Massenorganisationen wie dem Roten Frontkaempferbund, Fuehrungskadern der illegalen KPD unter dem Faschismus, Teilnehmern der sogenannten Bruesseler und Berner KPD-Konferenzen sowie Leitungsfunktionaeren des KPD-Geheimapparates. Dazu kommen die Biographien ausgewaehlter kommunistischer Kulturschaffender wie Johannes R. Becher oder praegnanter Persoenlichkeiten wie dem von den Nazis zur KPD uebergewechselten Reichswehrleutnant Richard Scheringer.

Fast ein Drittel der vorgestellten Personen bezahlte ihre kommunistische Ueberzeugung mit dem Leben. 222 KPD-Funktionaere wurden unter dem Naziregime ermordet, einige fielen im Spanischen Buergerkrieg, und 178 weitere ueberlebten die "Saeuberungen" im sowjetischen Exil nicht.

Viele Biographien sind ausgesprochen subjektiv verfasst. So wird der anarchosyndikalistische Herausgeber der Aktion, Franz Pfemfert, als "Wahrheitsfanatiker" tituliert. Und zu Wilhelm Pieck wird aus einem nicht naeher genannten Blatt "der kommunistischen Opposition" zitiert: "Die Moskauer haben ihn Teddy (Thaelmann) auf die Nase gesetzt, denn es muss doch wenigstens einer im Sekretariat sein, der bis drei zaehlen kann. Pieck kann bis drei zaehlen, wenn er es auch manchmal verbirgt. ... Der Generalsekretaer Pieck von 1932 ist nicht der Revolutionaer von 1918 und 1920, sondern ein ausgestopfter Papagei." So etwas mag mitunter auch treffend sein, ist in einem lexikalischen Werk allerdings fehl am Platze. Insbesondere, wenn statt dessen wichtige biographische Details, die sogar im "Biographischen Lexikon" des IML enthalten sind, unter den Tisch fallen.

Waehrend bei einer Reihe von Personen ihre Teilnahme an der illegalen Funktionaerstagung der KPD am 7. Februar 1933 im Sporthaus Ziegenhals erwaehnt wird, fehlt dieser Hinweis ausgerechnet beim Hauptreferenten dieser Sitzung, Ernst Thaelmann.

Auch wird mit keinem Wort Wilhelm Piecks Rolle als Gruender und Vorsitzender der Roten Hilfe erwaehnt, obwohl die Hilfsorganisation fuer politische Gefangene die mitgliederstaerkste KPD-Organisation war. Nach der Absetzung von Jelena Stassowa wurde Pieck 1937 auch zum Vorsitzenden der Internationalen Roten Hilfe ernannt. Dass Clara Zetkin bis zu ihrem Tod 1933 diesen Posten inne hatte, war Weber/Herbst ebenfalls nicht der Erwaehnung wert.

Als "deutscher Robin Hood" fuehrte der Raetekommunist Max Hoelz waehrend der Kaempfe im mitteldeutschen Industrierevier 1921 einen Partisanentrupp, der zum Eintreiben von "Revolutionssteuer" Fabrikantenvillen sprengte. Nach langer Haft uebersiedelte Hoelz 1929 in die Sowjetunion, wo er im September 1933 in der Oka ertrank. War der gute Schwimmer betrunken mit seinem Boot gegen einen Brueckenpfeiler gefahren, oder handelte es sich um einen Mord des sowjetischen Geheimdienstes? Kuerzlich aufgefundene Hoelz-Briefe aus dem Hotel Lux belegen seinen Streit mit Teilen der Sowjetbuerokratie.

"Inzwischen steht fest, dass er ein fruehes Opfer der stalinistischen Saeuberung war", behaupten Weber/Herbst. Als "Beweis" fuehren sie das 1936/37 vom NKWD geschaffene Konstrukt einer "konterrevolutionaeren, terroristischen, trotzkistischen" Hoelz-Wollenberg-Gruppe an. Tatsaechlich stammen die immer wieder kolportierten Hinweise eines Zeugen auf die Ermordung von Hoelz aus dem 1938 im faschistischen Nibelungen-Verlag erschienenen Buch "Der verratene Sozialismus". Dessen Autor K. I. Albrecht alias Karl Loew arbeitete als Forstexperte in der Sowjetunion und kehrte 1934 nach Deutschland zurueck, wo er zum gluehenden Hitler-Anhaenger mutierte.

Tragisch ist der Umgang mit dem antifaschistischen Widerstandskaempfer Wilhelm Knoechel in der Geschichtsschreibung. Ab Januar 1942 bemuehte sich das illegal nach Deutschland eingereiste ZK-Mitglied Knoechel um den Aufbau einer neuen operativen Leitung des kommunistischen Widerstands. Am 30. Januar 1943 verhaftete ihn die Gestapo in Berlin. Knoechel wurde am 24. Juli 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Im fuenften Band der "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" wird Knoechel noch "selbstlose Taetigkeit fuer die Partei, die Arbeiterklasse und die ganze deutsche Nation" attestiert. Die Aufnahme in das zugehoerige "Biographische Lexikon" blieb Knoechel allerdings verwehrt, da ihn Hermann Weber inzwischen als Verraeter bezeichnete und das Autorenkollektiv des IML in diesem Punkt dem westdeutschen Forscher folgte. Untersuchungen zum antifaschistischen Widerstand von Beatrix Herlemann sowie Heinz Kuehnrich konnten diese Anschuldigungen spaeter als unbegruendet widerlegen. Doch der "Nestor der Kommunismusforschung" Weber zeigte sich nicht bereit, ein einmal gefaelltes Urteil zu korrigieren. Weiterhin heisst es in "Deutsche Kommunisten", Knoechel sei ein Verraeter gewesen, der sich nach seiner Verhaftung der Gestapo als V-Mann angeboten und Anteil an der Zerschlagung seiner Widerstandsgruppe gehabt habe.

"Deutsche Kommunisten" wird mit Sicherheit ein Standardwerk fuer die historische Kommunismusforschung werden. Bei einem Werk dieser Groessenordnung lassen sich Fehler nicht vermeiden. Doch wie gezeigt, steckt hier der Teufel oft im Detail.

* Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Karl Dietz Verlag, Berlin, 960 Seiten, 600 Fotos, 49,90 Euro





7. Aril 2004 Ostsee-Zeitung Rostock

1400 Lebenswege – Who is Who des deutschen Kommunismus

Bei der Buchvorstellung in Rostock: Die Autoren Hermann Weber (l.) und Andreas Herbst.

Rostock (OZ) Leo Barteck (1887 bis 1968) aus Königsberg war Buchhändler und Kommunist. Schon in den 20er-Jahren arbeitete er als Parteikurier zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Von 1937 bis 1941 war Barteck im KZ Sachsenhausen inhaftiert.

Nach dem Krieg wurde er Personalchef des Schweriner Kultusministeriums. Anfang 1950 abgesetzt und in die Provinz abgeschoben, arbeitete er fortan als Kulturleiter des Sanatoriums in Heiligendamm. Unter der Hand wurde kolportiert, Barteck habe in der Nazizeit nur gesessen, weil er homosexuell war und deshalb habe man ihn abserviert.

Eine Diffamierung, wie sie durchaus üblich war im stalinistischen System, wenn es darum ging, sich kritischer Geister zu entledigen. Tatsächlich war bei Parteiüberprüfungen 1950 herausgekommen, dass Barteck 1930 aus der KPD ausgeschlossen worden war, weil er den ultralinken Kurs der Führung abgelehnt hatte. Er war dann in die Splittergruppe Kommunistische Partei Opposition (KPO) eingetreten, was aus der 1950-er Perspektive der SED ein schweres Vergehen darstellte, unabhängig davon, ob der Mann im Widerstand aktiv war oder nicht.

Leo Barteck – einer von 1400 spannenden Lebenswegen, die jetzt zwischen zwei Buchdeckeln zu finden sind. „Deutsche Kommunisten“ heißt ein fast 1000 Seiten starker Band (Dietz Verlag Berlin), der am Montag Abend an der Uni Rostock vor 60 Gästen vorgestellt wurde. Der Mannheimer Kommunismusforscher Hermann Weber (75) und der Berliner Historiker Andreas Herbst (48) haben in jahrelanger Puzzlearbeit die Schicksale des KPD-Führungskorps von 1918 bis 1945 zusammengetragen. Dabei wurde deutlich, dass der Kommunismus die einzige Bewegung der jüngeren Geschichte ist, die ihre eigenen Anhänger nicht weniger verfolgte, als dies deren Feinde taten: Von den 1400 Führungskadern kamen weit über 400, also fast jeder Dritte, gewaltsam ums Leben. Unter Hitler wurden 222 Funktionäre umgebracht, unter Stalin 178. Weber: „Während des russischen Terrors mussten Sollzahlen an Verbrechern, Parteifeinden und Schädlingen geliefert werden. Es ging nicht mehr um Schuld.“

Auch das zeigt der Band: Die Führungscrew der KPD war ein bunter Haufen: Aufrechte Idealisten, integre Persönlichkeiten, fanatische Revoluzzer, verwegene Abenteurer, korumpierte Egoisten, zynische Karrieristen und brutale Rabauken. Weber: „Es waren Menschen, und ihnen war nichts Menschliches fremd.“ Und so wurden manche Opfer und manche Täter, und manche beides. Mit der KPD war eine neue Schicht nach oben gekommen: der Berufsrevolutionär, der finanziell von der Partei abhängig und deshalb besonders willfährig war. Einer der letzten dieses Typs war wohl Erich Honecker.

JAN EMENDÖRFER

03.April 2004 Tageszeitung JUNGE WELT

Feuilleton
Arnold Schölzel

Total plural

Wenn Kommunismusexperten ein Buch über Kommunisten vorstellen

In der alten KPD wäre Wolfgang Leonhard als »Versöhnler« bezeichnet worden, murrte Hermann Weber irgendwann im Verlauf des Abends. Leonhard entfernte sich von der Linie. Er hatte die Kommunisten »in zu rosigem Licht« gesehen, als er meinte, man müsse mit ihnen zusammenleben und reden. Was im real existierenden Pluralismus nicht vorkommt.

Die Stiftung »Aufarbeitung der SED-Diktatur« hatte am Mittwoch in das Berliner Rathaus zur Vorstellung eines Buches von Hermann Weber (West), Verfasser von rund 70 Büchern über Kommunismus, und Andreas Herbst (Ost) eingeladen, das unter dem Titel »Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945« im Dietz Verlag Berlin erschien. Seine Erarbeitung war von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert worden – die Beteiligung der Rosa-Luxemburg-Stiftung hatten die Einlader weggelassen. Rainer Eppelmann, der die Veranstaltung einleitete, erwähnte sie mit dem Zusatz, PDS-Stiftung und -Verlag könnten hier für Irritationen sorgen. Er stand dafür, daß niemand sich beschwert fühlte: Ja, Respekt habe man vor alten Kommunisten in der DDR gehabt, auch er, um dann nach 1990 zu erfahren – es war alles SED-Propaganda.

Wer alte Kommunisten so überraschend entsorgen kann, für den sind Hitler, Churchill oder Gorbatschow, die Rekordhalter auf diesem Gebiet, von besonderem Interesse. Da es sich um eine Veranstaltung in den Grenzen der Pluralität handelte, war aber vor allem Stalin gefragt.

Man hatte Wolfgang Leonhard zur Einführung und zur Diskussion zusammen mit Weber, den Leonhardt seit einem Lehrgang zur FDJ-Gründung 1946 kennt, sowie Ulrike Poppe als Moderatorin geladen. Leonhard ist Jahrgang 1921, war im Exil in der Sowjetunion mit seiner Mutter, die dort umkam, Schüler der Kominternschule und Mitglied der Gruppe Ulbricht, ging 1948 über Jugoslawien in den Westen. Er kennt mehr als Akten, stellt für Kommunisexperten wie Eppelmann oder Poppe also ein kleines Risiko dar. Leonhard würdigte das Buch in vierfacher Hinsicht: Es richte das Augenmerk auf Personen, zeige unterschiedliche und widerspruchsvolle Typen von Funktionären – als Beispiel führte er Ruth Fischer 1955 an: »Alle Amerikaner unterstützen Chruschtschow« –, sah ein neues historisches Interesse – mal nicht 17. Juni, Mauer, »Stasi« - erklärte, das Buch zeige, wie »außerordentlich viele Opfer« die deutschen Kommunisten hätten bringen müssen, welch »absoluter Verfolgung« sie unterlagen. Da es um die Zeit bis 1945 ging, bezog Leonhard das auf deutsche Faschisten und Stalin. Auf letzteren etwas mehr als auf jene. Webers Rüge wegen »rosiger Sicht« holte er sich, als er beklagte, die deutsche Vereinigung sei als wirtschaftliche und juristische Angelegenheit abgelaufen, ohne zu begreifen, daß man auch zusammenleben müsse. Das war nicht gut. Im Haus des Henkers spricht man nicht vom Strick, in der Stiftung für SED-Diktatur nicht über Strafrenten und Abgewickelte.

Der einzige von 150 Zuhörern, der eine Frage ans Podium richtete, stellte sich als Sohn eines im sowjetischen Exil ums Leben gekommenen Kommunisten vor. Er forderte dazu auf, zwischen Kommunismus und Stalins Herrschaft zu unterscheiden und wollte von Eppelmann wissen, der doch für die Vernichtung der DDR gewesen sei, wie er 20 Prozent Arbeitslosigkeit und millionenfache Abwanderung beurteile. Poppe beschied, daß das nicht zum Thema des Abends gehöre, und Weber teilte dem Frager mit, er könne die Dinge so sehen, man lebe in einer pluralistischen Gesellschaft, und das sei gut so.

Plural ist, das lehrte der Abend, wenn jeder Recht hat, z. B. daß der Mensch von Natur aus kein Ohr, ein Ohr oder zwei Ohren hat. Wenn alles zurechtgeschnitten ist, arrangieren sich auch Kommunismusexperten.

* Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Karl Dietz Verlag, Berlin 2004, 49,90 Euro



24. März 2004: Tageszeitung NEUES DEUTSCHLAND

BIOGRAFIEN VON KOMMUNISTEN
Ein hoher Blutzoll
Von Michael Herms

Zu Beginn meines Geschichtsstudiums hatte ich »Glück«: In der Uni-Buchhandlung bekam ich das Biografische Lexikon zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ? ein Buch, das eigentlich schon mal »eingestampft« sein sollte und in dem ich wieder und wieder mit Interesse blättere. Hier fand ich sie ? die großen Namen der deutschen Arbeiterbewegung und ihre aufmerksam von der Parteiführung der SED zurecht gestutzte politische Vita. Namen, nach denen Straßen, Plätze, Schulen und Kollektive benannt waren und die für mutiges Engagement im Kampf gegen Hitler stehen. Mit der Zeit fiel mir auf, dass mehr als ein Dutzend der darin aufgenommenen Kurzbiografien den Satz enthielten: »Verstorben in der UdSSR«. Wobei die meisten kein hohes Lebensalter erreicht hatten, darunter viele ehemalige Thälmann-Vertraute. Grundlage für interne Diskussionen, kein Stoff für Lehrveranstaltungen.
Über den Mannheimer Kommunismusforscher Hermann Weber wusste ich zu jener Zeit noch nichts; sein Buch »Die Wandlung des deutschen Kommunismus« von 1969 fiel mir erst später in die Hände ? als Weber weitere Kurzbiografien kommunistischer Funktionäre in »Weiße Flecken in der Geschichte« veröffentlichte und um Angaben über in der UdSSR zu Tode Gekommene erweiterte. Die vielen bitteren Schicksale schockierten mich.
Zur diesjährigen Leipziger Buchmesse legt Weber nun, unter fachkundiger Assistenz von Andreas Herbst, ein voluminöses, auf jahrzehntelangen, akribisch betriebenen Forschungen beruhendes biografisches Handbuch vor. Es erinnert an 1400 deutsche Kommunisten und bietet zugleich neue Kenntnisse zur Entwicklung der nach der sowjetischen Partei stärksten Kraft der Kommunistischen Internationale. Ablesbar ist hier der mit dem Stalinisierungsprozess einher gehende Kaderwechsel in der KPD wie auch deren überaus hoher Blutzoll im Widerstand gegen den Faschismus einerseits sowie in den Stalinschen »Säuberungen« andererseits.
Einleitend skizziert Weber die politische Entwicklung der KPD von einer kleinen revolutionären Gruppierung am Anfang der Weimarer Republik zur Massenpartei und von dieser zum bedeutendsten Faktor im antifaschistischen Widerstandskampf 1933 bis 1945. 222 der hier vorgestellten 1400 Funktionäre wurden von den Nazis ermordet, 178 Opfer der Stalinschen »Säuberungen«. »Eine katastrophal erschreckende Zahl, die die Schrecken des 20. Jahrhunderts drastisch belegt.«
In den ersten zehn Jahren ihrer Existenz stand die Partei nach Webers Meinung vornehmlich vor drei Problemen: Sie musste erstens ihr Verhältnis zur Sowjetunion ordnen; zweitens ging es um das Maß an innerparteilicher Demokratie und drittens um die politische Linie, d.h. um die Frage, ob ein ultralinker Kurs oder ein realpolitischer Oppositionskurs gegen das Weimarer System zu fahren sei. Das Ergebnis: Die KPD wurde »völlig von Moskau abhängig, die innerparteiliche Demokratie aufgehoben«, so Weber. Obgleich der Hitler-Stalin-Pakt 1939 auch bei vielen Kommunisten einen Schock auslöste, »akzeptierte letztlich eine übergroße Mehrheit auch diese Strategie«. Umso schmerzhafter dann die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel der in die UdSSR emigrierten Kommunisten in Lager kamen und viele dort den Tod fanden.
In seiner Skizze über das Führungskorps der KPD erläutert Weber die Vorstellungen der verschiedenen politischen Gruppierungen. Anschließend beschreibt er als eine Art Kollektivbiografie den »Typus des Parteifunktionärs«. Weber führt die unter Thälmanns Vorsitz verfestigte Abhängigkeit der Partei von Moskau auch auf die ökonomische Abhängigkeit des Funktionärskorps von der Partei zurück. Immerhin seien fast 20 Prozent der aktiven Parteimitglieder hauptamtlich bei der Partei, einer ihrer Organisationen oder Unternehmen gewesen.
Wenngleich vermutlich nicht alle Leser mit jeder Wertung Webers übereinstimmen werden ? dieses Handbuch wird mit Sicherheit zu einem Standardwerk der deutschen und internationalen Kommunismusforschung.

Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biografisches Handbuch 1918 bis 1945. Karl-Dietz, Berlin. 960S., 600Fotos, geb., 49,90 EUR.





Bei der Buchvorstellung mit Prof. H. Weber in Rostock (2004)

besucherzählerXStat.de

Presse / 2005