Wolfgang Leonhard (Manderscheid/Eifel)

Verfolgt von Hitler und Stalin – Deutsche Kommunisten
im 20. Jahrhundert



Ich freue mich sehr ihnen heute Abend das Handbuch Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945 vorzustellen zu dürfen, zum einen wegen des Inhalts des Werks, zum anderen wegen eines persönlichen Aspekts. Es ist bald 58 Jahre her, dass ich Hermann Weber zum ersten Mal begegnet bin. 58 Jahre sind kein ganz typischer Anlass für eine Buchvorstellung. Es war auch keineswegs typisch, warum und wo wir uns getroffen haben. Wir trafen uns im Juni 1946 in dem kleinen brandenburgischen Ort Bogensee. Es waren die letzten Tage der Vorbereitung für die Gründung einer Organisation, die manche von ihnen zumindest durch die Literatur kennen, der Freien Deutsche Jugend (FDJ). Ich kam am 5. Juni 1946 dorthin, Hermann Weber war bereits seit Ende Mai dort. Ihn hatte, damals 17-jährig, die KPD in Mannheim auf Lehrgang nach Bogensee geschickt. Es war der erste Lehrgang der späteren FDJ-Schule, der vom 22. Mai bis 6. Juni dauerte. Der Lehrgang begann noch bevor die FDJ eigentlich gegründet worden war. Ich wurde gebeten, als Vortragender teilzunehmen. Ich hielt meine Vorträge und anschließend fuhren etwa zwei Drittel aller Teilnehmer als Delegierte zum Gründungsparlament der FDJ. Sie wurden einfach zu Delegierten gemacht. So kam es, dass Hermann Weber Mitbegründer der FDJ ist, was allerdings in keinem Buch steht. Das war unsere erste, sehr kurze Begegnung.
Später sahen wir uns dann für länger in Liebenwalde. Im September 1947 begann der erste Lehrgang der SED-Parteihochschule Karl Marx. Dort traf ich auch Gerda Röder, die Neulehrerin war. Der Lehrgang an der SED-Parteihochschule dauerte anderthalb Jahre. Wir spürten beide, dass wir irgendwie kritisch und oppositionell eingestellt waren. Dieses Gespür täuschte uns nicht. Es waren zunächst einzelne Fragen, in denen wir Abstand zu den herrschenden Auffassungen entwickelten. Dabei war uns eines gemeinsam: Wir waren besonders entsetzt über die verfälschte Geschichte, die an der SED-Parteihochschule gelehrt wurde. Hermann Weber hat sich darüber aufgeregt genauso wie ich. Aus diesem Grund lasen wir andere Bücher. Mit der Ablehnung der verfälschenden Darstellung der Geschichte begann bei uns das kritische Denken. Deswegen halte ich die objektive Aufarbeitung für eines der wesentlichsten Dinge, die heute zu tun sind.
Damit möchte ich zu dem Buch zurückkehren, das wir heute vorstellen. 1 400 führende kommunistische Funktionäre aus der Zeit von der Gründung der KPD 1918 bis 1945 wurden sorgfältig und meiner Meinung nach völlig richtig ausgewählt. Berücksichtigt wurden die Zentrale/das Zentralkomitee, das Politbüro, die Reichstagsabgeordneten, die Verbindungsfunktionäre zur Sowjetunion wie zur Kommunistischen Internationale sowie – auf regionaler Ebene – Bezirksleiter, Redakteure und Landtagsabgeordnete. Auch Künstler, Schriftsteller und Theoretiker, die zwar einfache Parteimitglieder waren, de facto aber einen Funktionärsrang einnahmen und deshalb für die kommunistische Bewegung große Bedeutung besaßen, wurden mit in die Untersuchung einbezogen. Das alles waren die entscheidenden Leute. Ich finde es ausgezeichnet, dass es Hermann Weber und Andreas Herbst gelungen ist, das bislang ausführlichste biographische Buch über die kommunistische Bewegung in Deutschland von 1918 bis 1945 zusammenzustellen.
Das Buch ist mehr als ein Nachschlagewerk. Ich möchte auf vier Besonderheiten aufmerksam machen, die weit über die Funktion als Nachschlagewerk hinausgehen. Das erste ist die Rolle der Personen. Die stalinistische und kommunistische Geschichtsauffassung war, nicht nur durch die bereits erwähnten Fälschungen, sondern auch durch eine Entpersönlichung gekennzeichnet. Diese Tatsache hat mich immer interessiert. Wenn man die Bücher der sowjetischen Epoche oder der SED-Zeit liest, fällt auf, dass Namen kaum erscheinen. Es hieß entweder: »wir Kommunisten«, in bestimmten Perioden auch »wir Marxisten/Leninisten« oder in der Periode kurz vor und nach 1945, die ich sehr bewusst miterlebt habe, waren das die »antifaschistisch-demokratischen Kräfte«. Es war immer ein allgemeiner Begriff, der verwandt wurde. In der Regel gab es eine Person oder einen Führer, der herausragte. Der war immer positiv, in der Regel unfehlbar positiv. Demgegenüber standen ein, manchmal zwei negative Verräter, Agenten oder Fehlermacher, die Schuld waren, wenn etwas nicht gelang. Das war in der Regel alles, was zu Personen in den Büchern stand. Selbst wenn, was selten genug war, andere genannt wurden, waren das bloße Namennennungen. Geschichte besteht aber nicht nur aus Institutionen, sondern wird von Menschen gemacht, die sich aus Überzeugung oder Druck oder Zwang für etwas einsetzen. Denn der Mensch tritt nicht nur als Akteur auf, er ist auch Empfänger. Es gibt neben den Akteuren diejenigen, die aufnehmen, rezipieren und miterleben. Diese Empfänger reflektieren die Maßnahmen und ihre ideologischen, sachlichen oder machtpolitischen Gründe. Ich habe immer sehr bedauert, dass in vielen Büchern über den Kommunismus dieser Aspekt unterrepräsentiert ist.
Ich habe zwei Versuche dazu unternommen, die leider wenig bekannt sind. Ich habe 1981 ein Buch geschrieben über die ersten fünf Jahre der Kommunistischen Internationale (Komintern). Es ist das einzige Buch, in dem keine einzige Komintern-Resolution vorkommt. Das Buch besteht aus Erinnerungen von Mitarbeitern der Komintern, die in unterschiedlichen Ländern für die Weltrevolution und die kommunistischen Ziele tätig gewesen sind. Ich veröffentlichte ihre Erinnerungen, weil ich der Meinung war, man muss zeigen, wie das funktioniert hat. Das gleiche gilt für den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939. Nicht die Diplomatie ist dabei von außerordentlicher Wichtigkeit, sondern die Frage, was geschah mit den Kommunisten, die plötzlich erfuhren, wir haben einen Pakt mit den Nazis geschlossen? Was dachten sie? Wie reagierten sie? Woran glaubten sie noch? Wie wurden sie damit fertig? Es gibt kaum einen Wissenschaftler unter den Kommunismus-Historikern wie Hermann Weber, der sich sorgfältig Gedanken über Institutionen, Ziele, Notwendigkeiten und Personen der kommunistischen Bewegung gemacht hat. Das ist für mich etwas sehr entscheidendes. Die Verdeutlichung der individuellen Dimension ist nun mit dem Buch Deutsche Kommunisten viel leichter möglich. Ich hoffe, es wird nicht nur von Historikern, sondern von allen Interessierten konsultiert werden. Sobald sie einen Namen hören, werden sie zu diesem Buch greifen, um sich den Menschen, sein Denken und sein Handeln zu verdeutlichen.
Das zweite Charakteristikum des Buches ist ein Lieblingsthema von Hermann Weber und mir: die unterschiedlichen und widersprüchlichen Typen von KPD-Funktionären. Neben der Verherrlichung ihrer Führer durch die kommunistische Bewegung gab es die Tendenz der vernichtenden Verurteilung. Das gibt es übrigens auch heute. Bei dem Gerichtsprozess gegen das ehemalige SED-Politbüromitglied Egon Krenz in Leipzig stand auf einem Plakat zu lesen »Alle Kommunisten sind Mörder«. Das hat mich sehr verwundert. Zum einen, weil ich nicht wusste, dass solche Aussagen in einem Gerichtssaal erlaubt sind, zum anderen, weil ich diese Aussage nicht nachvollziehen kann. Sicherlich es bedarf keines Beweises, unter Kommunisten gab es Mörder. Darüber kann man nicht hinweggehen. Aber unter den von Kommunisten Ermordeten waren auch Kommunisten. Die Vorstellung, dass jeder Kommunist ein Mörder sei, ist zu einfach. Das muss differenziert gesehen werden.
In dem umfangreichen Vorwort zu Deutsche Kommunisten weisen Weber und Herbst darauf hin, was es für entsetzliche Verfolger gab, die auch für jedes andere System gearbeitet hätten. Daneben gab es aber ehrliche Menschen, die glaubten einer großen Idee zu dienen und für eine gerechte Sache einzutreten. Des Weiteren existierten Leute, die mal von dem einem, mal von dem anderen Aspekt geprägt wurden. Es gaben Menschen, die aus Disziplin Dinge taten, für die sie sich später schämten. Menschen versuchten unter den schwierigsten und schlimmsten Bedingungen – ich habe ja Kommunisten in der Sowjetunion unter Stalin erlebt; das war wohl im negativen Sinn der absolute Höhepunkt dessen – so milde wie möglich zu sein. Andere führten unter Lebensgefahr Tagebuch oder schrieben antisowjetische Texte, dachten über programmatische Veränderungen nach und hielten sie schriftlich fest. Der Typ der Funktionäre war sehr unterschiedlich. Er variierte in keiner politischen Bewegung der Neuzeit so stark wie in der kommunistischen. Es ist notwendig den ganzen Horizont zu kennen. Niemals darf es eine Pauschalverurteilung geben, aber auch niemals eine Beschönigung. Anhand der 1 400 Biographien sind die Täter und die Opfer, manchmal zuerst Täter und dann auch Opfer, identifizierbar.
Lassen Sie mich nun zur dritten Besonderheit des Buches Deutsche Kommunisten kommen. Ich meine die beginnende, hier andeutungsweise dargestellte Verschiebung der zeitlichen Perspektive. Vielleicht wissen Sie, dass sich mehr als die Hälfte aller Bücher über den Kommunismus mit den Achtzigerjahren befasst. Das ist nahe liegend; das haben viele noch bewusst miterlebt. Aber ein verantwortungsbewusster Historiker des kommunistischen Systems und der kommunistischen Bewegung darf sich darüber Gedanken machen, dass man schrittweise und allmählich darüber hinwegkommt und versucht, vorhergehende Perioden in das Blickfeld zu rücken. Ich bin sehr dankbar, dass dies in den letzten Jahren verstärkt geschehen ist. Ich spreche hier nur die Vereinigung von KPD und SPD im April 1946, die FDJ-Gründung 1946 und insbesondere den 50. Jahrestag des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 an. Mit dem vorliegenden Buch wird die Betrachtung auf die Zeit der Weimarer Republik und den illegalen Kampf während der Nazi-Zeit verschoben.
Ich habe mir stets Gedanken über die historische Kontinuität gemacht. Aber es gibt allerdings nicht nur eine historische Kontinuität, sondern auch eine persönliche. Ich lese sehr viele Memoiren und Erinnerungen, auch von Menschen der jüngeren Generation. Da kommt in fast allen Büchern etwas Eigentümliches vor. Irgendwann hat dieser Mensch ganz am Anfang, als er vor politischen Grundsatzentscheidungen stand, einen älteren Genossen kennen gelernt. Dieser ältere Genosse strahlte Autorität und Kraft aus. Er verkörperte die Tradition. Viele sind davon als Jugendliche beeinflusst worden. Ich halte das für einen sehr interessanten Umstand. Dies müsste meiner Meinung nach viel aufmerksamer untersucht werden, als das bis heute geschehen ist.
Die Periode der Weimarer Republik war außerordentlich dramatisch. Genau betrachtet, ist nur durch sie verständlich, was nach 1945 in der SBZ begann. Durch das von Weber und Herbst vorgelegte Handbuch wird deutlich, das es vor dem immer wieder genannten Ernst Thälmann zahlreiche andere KPD-Führer gab, die eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Partei spielten, zum Beispiel Paul Levi, Ruth Fischer, Heinrich Brandler, Ernst Reuter und andere. Deren Lebensgeschichte ist so vollkommen anders als die der späteren Funktionäre. In Deutsche Kommunisten werden auch diese Funktionäre der ersten Periode vorgestellt.
Es war mir vergönnt einige der eben genannten kennen zu lernen. Am 9. September 1948 während der Berliner Blockade hielt der SPD-Politiker Ernst Reuter seine berühmte Rede. Reuter galt in der SED offiziell als Verräter. Aber ich wusste natürlich, dass Reuter der erste Generalsekretär der KPD war. Ich wusste, dass er einer der engsten Freunde Lenins war. Lenin hatte ihn 1918 in das Wolga-Gebiet geschickt, um die Wolga-Deutsche Autonome Republik zu gründen. Reuter war Teilnehmer des Gründungsparteitags der KPD 1918/19. In der berühmten Abstimmung über den neuen Posten des KPD-Generalssekretärs standen im August 1921 in Jena zwei Männer zur Wahl: Ernst Reuter und Wilhelm Pieck. Natürlich wurde Ernst Reuter mit überwältigender Mehrheit gewählt. Reuter war außerordentlich gebildet und sprach fließend Russisch. Und nun hielt mitten in der Periode, die manchmal etwas zu leicht als Kalter Krieg bezeichnet wird, Ernst Reuter, der sehr viel für den Beharrungswillen der Westberliner getan hat, eine Rede. Das SED-Abzeichen am Revers versteckte ich. Ich wollte mir das anhören und war beeindruckt. Reuter war einer der ganz wenigen, die nicht antirussisch eingestellt waren. Er unterschied klarer als irgendjemand zwischen Bevölkerung und System. Das habe ich 1948 deutlich zur Kenntnis genommen.
Später, nachdem ich mit der SED gebrochen hatte und im Westen lebte, erlebte ich eine weitere führende KPD-Politikerin: Ruth Fischer. Sie leitete die Partei 1924/25. Seit 1940 lebte sie in den USA und hatte sich vom Kommunismus abgewandt. Im Kalten Krieg stand sie sogar auf der Seite der USA. Im Alter hat sie sich dann noch einmal gewandelt. Als Chruschtschow an die Macht kam und Kritik an der Stalin-Ära übte und mit der Rehabilitierung von Verfolgten und Ermordeten begann, war Ruth Fischer wie verwandelt. Sie propagierte überall Chruschtschow. Fischer war bekannt für – wie manche sagen – Demagogie, ich würde sagen, für etwas ungewöhnliche Agitationsmethoden. Ich habe sie vor einem neutralen bzw. offiziellen Publikum erlebt, als sie sagte: »Ich darf hier sagen, Ich bin Amerikanerin, hier ist mein Pass.« Vor 50 Jahren dem deutschen Publikum einen amerikanischen Pass vorzuzeigen, dass war schon was. »Und als Amerikanerin sage ich ihnen, alle Amerikaner sind für Chruschtschow.« Das war eine der ungewöhnlichsten Pro-Chruschtschow-Erklärungen, die ich je gehört habe. Fischer hoffte, dass sie noch einmal rehabilitiert werden würde und Walter Ulbricht den Fehler, der in ihrer Sache gemacht wurde, einsehen würde. Sie hat darüber ziemlich offen gesprochen.
Das vierte und damit letzte Charakteristikum des Buches, das ich erwähnen möchte – und dies betont Hermann Weber immer wieder –, ist die Tatsache, dass es sich bei den deutschen Kommunisten um eine Bewegung handelt, die außerordentlich viele menschliche Opfer zu beklagen hat. Sehr viele. Sie wurden nicht nur verhaftet und in Lager und Gefängnisse geworfen, sondern auch ermordet. Und es ist die einzige Bewegung, in der ungefähr gleich viele Menschen von den Nazis und von den Stalin-Leuten in der Sowjetunion umgebracht wurden. Es gibt keine Möglichkeit, um diese Tatsache herumzureden. Nehmen wir die Mitglieder des Politbüros von 1929. Ernst Thälmann wurde 1944 in Hitler-Deutschland ermordet, aber vier Politbüromitglieder – Leo Flieg, Heinz Neumann, Hermann Remmele und Fritz Schulte – wurden von Stalin in der Sowjetunion umgebracht. Oder ein anderes Beispiel: Von den 62 promovierten Akademikern, die zwischen 1918 und 1945 zur Spitzenführung der KPD gehörten, kam ein Drittel gewaltsam ums Leben. Und zwar vier 1919, fünf während der Hitlerdiktatur und elf in den Stalinschen Säuberungen. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Zahlen, die diese entsetzliche Tatsache belegen, dass Kommunisten von ihren eigenen Leuten ermordet wurden. Diese Zahlen sind eindeutig.
Ich möchte das psychologische Moment an dieser Tatsache hervorheben. Es ist nicht dasselbe, ob man von politischen Gegnern, die man bekämpft, oder von seinen eigenen Leuten umgebracht wird. Ich habe das miterlebt. Ich war 1937 Schüler der deutschen Karl-Liebknecht-Schule in Moskau. Der Genosse Heinz Lüschen war unser Lehrer. Der wollte eines Tages Stalin zitieren, den man immer mit Begeisterung zitierte. Der berühmten Stalin-Ausspruch lautete: »Wir werden unsere Feinde daran hindern, ihre Schweineschnauze in unseren Sowjetgarten zu stecken.« Lüschen, von der Begeisterung getragen, rief aus: »Wir werden unsere Feinde daran hindern, ihre Sowjetschnauze in unseren Schweinegarten zu stecken.« Niemand von uns – wir waren doch immerhin 14/15-jährige – hat gelacht. Es herrschte eine peinliche Stille, weil wir wussten, das bedeutet die Verhaftung. Lüschen merkte das. Er zitterte und sagte: »Liebe Genossen, ich muss mich für diesen entsetzlichen Fehler entschuldigen. Ich werde natürlich sofort der Partei Mitteilung machen.« Wir haben ihn nie wieder gesehen.
Eine weitere Geschichte ist die von Julius Aquila, der 1933 in die Sowjetunion kam und stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Kommunistische Internationale war. Ich habe sie noch nie erzählt. Soweit ich weiß, hat auch seine Tochter Agi Sas, die auch unter dem Namen Nelken bekannt war und vor kurzem gestorben ist, darüber geschwiegen. Agi war 1937 zwölf, ihre Schwester 14 Jahr alt. Beide fragten ihren Vater, was er von den Verhaftungen vieler bislang unbescholtener Genossen halte. Der Vater sagte: »Keine Angst, in der Sowjetunion werden keine unschuldigen Menschen verhaftet. Der NKWD verhaftet keine unschuldigen Menschen!« Das war am Abend gegen halb zehn. Sie gingen schlafen. Am nächsten Morgen um halb fünf kam der NKWD und verhaftete Aquila. Die beiden Mädchen waren doppelt entsetzt, weil der Vater verhaftet wurde, und er doch aber gesagt hatte, es würden keine Unschuldigen verhaftet. Der Vater, der seine Töchter liebte, war genauso entsetzt. Die Töchter waren das einzige, was ihm außer der Partei etwas bedeutete. Er hat mit dieser Aussage die engste persönliche Beziehung, die er je hatte, zerbrochen.
Später, wenn die Opfer der Repressionen überlebt hatten, gab es etwas weiteres Schlimmes. Man sagte dann, dass das, was man ihnen angetan hat, sicherlich übertrieben gewesen ist, aber irgendetwas muss ja dran gewesen sein. Die Verdächtigung dauerte das ganze Leben. Das ist auch ein wesentlicher Aspekt, der aus diesen 1 400 Biographien spricht.
Ich meine, Deutsche Kommunisten ist ein unentbehrliches Buch. Es ist nicht nur ein Nachschlagewerk, sondern es ist ein Rüstzeug. Es schafft die Möglichkeit, abstrakte Darstellungen zu personifizieren und sich hineindenken zu können. Es ist der Beginn einer Akzentverschiebung, der uns klar macht, dass das, was wir bei der KPD/SED seit 1945 beobachten konnten, ein Abklatsch von dem ist, was bereits zuvor weitgehend entschieden war. Es ist das Bild einer opferreichen Bewegung, die ihre eigenen Leute ermordete. Sie ist verantwortlich für Tod, Vernichtung und absolute Verfemung sehr vieler, zum Teil der besten Mitglieder. Ich bin sehr froh, dass Hermann Weber und Andreas Herbst dieses Buch geschrieben haben und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Vorstellung des Werks unterstützt hat. Ich bin auch froh, und das mag manche verwundern, dass es im Dietz Verlag Berlin, dem ehemaligen SED-Parteiverlag, erschienen ist. Die Gründung des Dietz Verlages habe ich miterlebt. Er hat so viele entsetzliche Bücher herausgebracht, dass ich mir dachte, vielleicht kann man den Dietz Verlag noch retten, wenn er gute Bücher herausbringt. In den letzten Jahren passierte das. Vielleicht kann man dabei so verfahren wie bei der Emissionsabgabe für Unternehmen. Für jedes gute Buch, das der Verlag jetzt herausgibt, werden zehn miese Werke der Vergangenheit gestrichen. Da es sehr viele schlechte Werke aus der früheren Zeit gibt, gebe ich damit dem Dietz Verlag die Möglichkeit, weiterhin aktiv zu sein und solche Bücher wie Deutsche Kommunisten herauszubringen. Außerdem möchte ich dem Vorsitzenden der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Herrn Rainer Eppelmann, für die freundliche Einladung und Begrüßung danken. Ich wünsche alles Gute für die folgende Diskussion.

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