Die kommunistische Bewegung in Deutschland entstand im Ersten Weltkrieg als Abspaltung von der klassischen Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie. Jahrzehntelang hatten sich die verschiedenen Flügel in der SPD (Reformisten, Revisionisten, orthodoxe Marxisten und radikale Linke) innerhalb der Partei heftig auseinandergesetzt, aber keine Richtung wollte die organisatorische Spaltung.
Erst im Weltkrieg ergab sich eine neue Situation. Eine Mehrheit vertrat die Politik der »Vaterlandsverteidigung« und des »Burgfriedens« im Innern, eine immer stärkere Minderheit wandte sich dagegen und hielt an den traditionellen internationalistischen Positionen fest. Die Abspaltung der USPD 1917 zeigte, daß es weniger um die alten Rechts-links-Differenzen in der Partei ging, denn zur USPD gehörten sowohl der Führer der Revisionisten, Eduard Bernstein, der Führer des maxistischen Zentrums, Karl Kautsky, und auch die radikale Linke Rosa Luxemburg.
Der Weltkrieg bedeutete indes nicht nur für die Arbeiterbewegung die tiefgreifende Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, sondern für die gesamte Gesellschaft. In diesem Massenkrieg wurde brutale Gewalt und das Töten des Feindes belohnt. Die Gewalt bekam allgemein einen neuen und besonderen Stellenwert, wurde auf die Politik übertragen und dort zu einem alltäglichen Mittel, sie wurde zum Kennzeichen des ganzen Jahrhunderts. Rückblickend brachte daher schon der Erste Weltkrieg die verheerenden einschneidenden Auswirkungen und nicht erst die russische Oktoberrevolution.
Für die äußerste Linke wurde dann freilich die Oktoberrevolution der Bolschewiki 1917 ein Fanal. Während Rosa Luxemburg manche gewaltsame Aktion und die Diktatur der russischen Kommunisten noch ablehnte, andere eher reserviert blieben, setzte sich das Vorbild Sowjetrußland als Idol der radikalen Linken in Deutschland rasch durch.
Ein Blick in die Geschichte der KPD macht allerdings deutlich, wie widersprüchlich die Anpassung vor sich ging und wie maßgeblich dabei die Kader waren. Das Führungskorps der KPD, das in diesem Band mit 1.400 Biographien vorgestellt wird, besaß in der zentralistischen KPD ausschlaggebende Bedeutung. Aber selbst diese Spitzenfunktionäre wurden sowohl von der Lage in Deutschland als auch in der Sowjetunion geprägt. Die Parteiführer wirkten zwar auf die Politik der KPD ein, sie waren aber zugleich abhängig von den Komintern-Anweisungen und in straffe Organisationsstrukturen eingebunden. Zudem beleuchten die Biographien die damaligen Verhältnisse, das oft wiederspruchsvolle Leben und die unterschiedliche Rolle der Kader in der Partei und nicht selten deren Ausschluß oder Trennung von der KPD. Zum Verständnis ist zunächst eine Skizzierung der KPD-Geschichte von 1918 bis 1945 angebracht.

Die KPD in der Weimarer Republik und im Widerstandkampf 1918-1945 Im demokratischen Parteiensystem der Weimarer Republik war die KPD nicht konsensfähig: Auf dem äußersten linken Flügel stehend, forderte sie ein »Rätedeutschland « und die »Diktatur des Proletariats«; sie verwarf den Parlamentarismus und bekämpfte sämtliche anderen Parteien.
Der Grundwiderspruch der KPD ergab sich indes daraus, daß sie sich einerseits der Kommunistischen Internationale (Komintern) völlig untergeordnet hatte (als deren Sektion war sie nach den Statuten keine selbständige Partei), sie damit die zunehmende Vorherrschaft der KPdSU Stalins akzeptierte und ihre Autonomie verlor. Andererseits aber stand die KPD in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung, und sie repräsentierte radikale Kreise der Arbeiterschaft in Deutschland.
Die KPD war in der Weimarer Republik Teil der deutschen Arbeiterbewegung. Sie wurde um die Jahreswende 1918/19 gegründet als Zusammenschluß des Spartakusbundes und der Internationalen Kommunisten. Unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (die beide schon am 15. Januar 1919 ermordet wurden) und ihren Nachfolgern war die junge Partei anfangs eine schwache Organisation. Die KPD-Entwicklung verlief entsprechend den drei Etappen der Weimarer Republik. Während der revolutionären Nachkriegsphase bis 1923 versuchte sie, durch Aktionen und Aufstände an die Macht zu kommen. In der Stabilisierungsphase der Republik von 1924 bis 1929 waren die Aktivitäten der KPD insbesondere auf die inneren Strukturen gerichtet, durch die Stalinisierung der Partei wurde sie zu einer von der Komintern und damit von der Stalinschen Sowjetunion abhängigen Organisation.
In der deutschen Krisensituation ab 1929 wuchs die KPD zur drittstärksten Partei an und vertrat den verheerenden ultralinken Kurs Stalins (»Hauptfeind Sozialdemokratie«, als »Sozialfaschismus« diffamiert), der zum Untergang der Weimarer Republik beitrug. Auch wenn damals kaum sichtbar, standen vor der KPD vor allem drei Probleme: Erstens mußte die Partei ihr Verhältnis zur Sowjetunion ordnen, entscheidend war der Grad der Abhängigkeit vom Sowjetstaat; zweitens ging es um die innere Parteistruktur, um das Maß innerparteilicher Demokratie und drittens schließlich um die politische Linie, um die Frage, ob die Partei eine ultralinke intransigente oder eine realistische linksoppositionelle Politik gegenüber der Weimarer Republik und der SPD zu führen hatte. Letztlich drehten sich die Auseinandersetzungen in der KPD immer wieder um diese Grundfragen. Dabei brachte der innere Zwist die Partei mehr als einmal an den Rand des Zerfalls, jede Absplitterung bedeutete ja einen erheblichen Aderlaß. Die Partei hatte einen beispiellosen Verlust an erfahrenen Funktionären und Mitgliedern zu registrieren.
Die Stalinisierung der KPD löste die Probleme rigoros und einseitig: Die KPD wurde völlig von Moskau abhängig, die innerparteiliche Demokratie aufgehoben und ab 1929 ein ultralinker Kurs gesteuert. Trotz dieser Tendenz behielt die KPD in der Weimarer Republik eine wichtige Funktion. Die Stärke des deutschen Kommunismus lag »in seiner Kritik an dem gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen System« und im Widerstand gegen »Möglichkeiten rechtsradikaler Vorstöße«, wie Sigmund Neumann konstatierte.
Die KPD mobilisierte darüber hinaus breite Kreise der Arbeiterschaft, sie gab den ungelernten Arbeitern und vor allem den Erwerbslosen ein politisches Betätigungsfeld. Als Teil der Arbeiterbewegung zog sie überdies viele Kräfte an, die gegen die Restauration kämpfen wollten. Revolutionäre Phase 1919-1923 In der revolutionären Phase der Weimarer Republik bis 1923 entwickelte sich aus einer kleinen kommunistischen Gruppierung die Massenpartei KPD, der die Machterringung durch einen »revolutionären Aufstand« mißlang.
Die Zusammensetzung der Partei war zunächst heterogen: An der Spitze befanden sich zwar einige hervorragende Marxisten, doch viele Funktionäre orientierten sich rasch am Leninismus. Die KPD mußte ihren Standort zwischen Sozialdemokratie und Syndikalismus damals erst finden, aber ultralinke Vorstellungen wirkten bis 1933 weiter. Bereits 1920 hatten mit der Abspaltung der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) von der KPD etliche ihrer »Gründungsväter« die Partei verlassen. Eine Massenpartei wurde die KPD dann Ende 1920. Die Radikalisierung der deutschen Arbeiter, die von den Ergebnissen der Revolution ebenso enttäuscht waren wie über die elende materielle Lager erbittert, hatte die USPD gestärkt. Deren linke Kräfte näherten sich dem Kommunismus. Im Oktober 1920 spaltete sich diese Partei, im Dezember schloß sich der linke USPD-Flügel (über 350.000 Mitglieder, von denen allerdings viele den Wechsel nicht mitmachten), mit einem funktionierenden Parteiapparat sowie zahlreichen Tageszeitungen, mit der 80.000 Mitglieder zählenden schwachen KPD-Organisation zur VKPD zusammen. Damit stießen zu den Kadern der KPD, die aus dem Spartakusbund stammten, nun viele aus der USPD, gemeinsam bildeten sie das Führungskorps der KPD, das mit Kurzbiographien in diesen Band vorgestellt wird. Führer, Funktionäre und Anhänger der »Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands« bekannten sich zur Kommunistischen Internationale (Komintern), propagierten die Diktatur des Proletariats sowie ein Rätesystem in Deutschland und begannen, ihre Organisation nach den bolschewistischen Prinzipien des »demokratischen Zentralismus« aufzubauen.
Als Sektion der Komintern unterstand die KPD nicht nur der Führung dieser Weltorganisation, sondern wurde gleichzeitig vom sowjetischen Staat abhängig. Bei der Gründung der Kommunistischen Internationale, der Komintern, im März 1919 hatte sich zwar gerade der Vertreter der KPD, Hugo Eberlein (noch im Auftrag der inzwischen ermordeten Rosa Luxemburg), als einziger Delegierter gegen die Schaffung der neuen, III. Internationale gewandt, dennoch war die deutsche Partei sofort beigetreten.
Da der Zustrom zur KPD nach 1920 nicht zuletzt wegen der Sympathie vieler linker Arbeiter und Intellektueller zur russischen Revolution, zu Sowjetrußland und zur Internationale erfolgte, spielte das Verhältnis der KPD zur Sowjetunion und zur Komintern rasch eine zentrale Rolle. Besonders gravierend war die wachsende Abhängigkeit der KPD von der Komintern und deren Unterwerfung unter die Politik der russischen Bolschewiki. Auch wenn die KP Rußland in der Exekutive nominell über keine Mehrheit verfügte, regierte sie doch das Land, auf dessen technische und finanzielle Hilfe die Komintern stets angewiesen war. Vor allem diente die Sowjetunion als Vorbild, ihre Autorität war in der Internationale grundlegend, »so daß die faktische Vorherrschaft der Bolschewiki in der Komintern trotz der formellen Majorität der Nichtrussen gesichert war«.
Anstelle von gleichberechtigten Sektionen gab es bald nur noch die führende KPdSU und ausführende Sektionen. Wenn die jeweiligen nationalen Parteien trotzdem an Einfluß gewannen, so waren dabei die sozialen und politischen Verhältnisse in den einzelnen Ländern von größerem Gewicht als die Direktiven aus Moskau. Doch das Führungskorps selbst geriet zunehmend in ideologische, politische und materielle Abhängigkeit von der Sowjetunion. Bereits 1921 verursachte die sogenannte März-Aktion (ein von der Komintern mitinszenierter Aufstand in Mitteldeutschland) eine tiefe Krise in der KPD, sie ließ die Problematik der Hegemonie der Komintern und Sowjetrußlands gegenüber den deutschen Kommunisten erkennen.5 Daraus ergab sich (nach der Abspaltung der KAPD 1920) der zweite große Aderlaß an Funktionären, denn außer dem Parteiführer Paul Levi trennten sich viele der »Neukommunisten« aus der USPD von der KPD, sie bildeten zunächst die kommunistische Arbeitsgemeinschaft, die KAG. 1921 zählte die VKPD, die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands, 356.000 Mitglieder. Das war der höchste Mitgliederstand, den die kommunistische Bewegung in der Weimarer Republik jemals erreichte. Allerdings hatte die Partei damit lediglich knapp fünf Prozent der in den freien Gewerkschaften organisierten Arbeiter in ihren Reihen, und bei den Preußischen Landtagswahlen vom Februar 1921 wählten 5,5 Prozent der Stimmberechtigten die Kommunistische Partei (d. h. nur etwa 20 Prozent der Arbeiter). Diese KPD entfernte sich bald von den Vorstellungen des Spartakusbundes. Mit der USPD kamen auch solche Führer in die VKPD, die der Komintern uneingeschränkte Sympathien entgegenbrachten und dem Bolschewismus sehr viel näherstanden als dem »Luxemburgismus«.
Gleichzeitig war die Spaltung der sozialistischen Arbeiterbewegung in SPD und KPD permanent geworden und ergab eine unüberbrückbare Frontstellung: Die KPD sah ihr Ideal immer mehr im russischen Bolschewismus, die SPD identifizierte sich mit der Demokratie der Weimarer Republik.
Als sich die KPD im Herbst 1923 auf einen revolutionären Umsturz vorbereitete, orientierte sie sich am Schema der russischen Oktoberrevolution. Dem vom Exekutivkomitee der Komintern, dem EKKI, in Moskau festgelegten Aktionsplan entsprechend, organisierte der Militärapparat der KPD den bewaffneten Aufstand. Im Oktober 1923 waren deutsche Kommunisten in die Landesregierungen von Sachsen und Thüringen eingetreten. Aber nach der Absetzung des sächsischen Kabinetts durch die Reichsregierung schien der KPD unter Leitung Heinrich Brandlers ein Aufstand nicht mehr durchführbar. Allein in Hamburg kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen; aber diese isolierte Rebellion wurde dort rasch niedergeschlagen, der »deutsche Oktober« war mißglückt. Damit war die letzte militärische Aktion der KPD in Deutschland zusammengebrochen. Der KPD war es nicht gelungen, durch einen Umsturz an die Macht zu kommen.

KPD und Stabilisierung der Republik 1924-1929
In der Phase der Stabilisierung der Weimarer Republik von 1924 bis 1929 behielt die KPD zwar politisches Gewicht (130.000 Mitglieder und 3,2 Millionen Wähler 1928), doch blieb sie vorrangig mit inneren Auseinandersetzungen beschäftigt. Seinerzeit kam es zur Wandlung des deutschen Kommunismus, die KPD geriet – wie damals alle kommunistischen Parteien – in den Sog der Stalinisierung. Bei den deutschen Kommunisten war Stalin noch bis 1923 weitgehend unbekannt. Ab Mitte der zwanziger Jahre beteiligte sich die KPD nun ebenfalls am Personenkult um Stalin, den sie dann ständig praktizierte. Beispielsweise wählten die Delegierten des XI. Parteitages 1927 – was vorher nicht üblich gewesen war – den abwesenden Stalin, aber ebenso Bucharin u. a., in ein »Ehrenpräsidium«.
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(Auszug aus der Einleitung von Hermann Weber)

Vorwort der Druckausgabe / Biografie von Hermann Weber