Vorwort

Die zeitgeschichtliche Forschung befaßt sich seit längerem nicht nur mit den historischen Abläufen von Gesellschaft, Politik und Ideologie sowie den Strukturen politischer Systeme, sondern auch mit den aktiv handelnden Personen.

Biographien wichtiger Persönlichkeiten, ebenso Kollektivbiographien können einen Erklärungsansatz für politische Entwicklungen liefern. Bei der Erforschung des Nationalsozialismushaben biographische Herangehensweisen positive Ergebnisse gebracht.

Auch die kommunistische Bewegung kann – vor allem seit Öffnung der Archive – durch die Darstellung von Lebensläufen führender Kommunisten stärker unter biographischen Gesichtspunkten beurteilt werden. In der Weimarer Republik, im Widerstand gegen das NS-Regime und im Exil spielten die deutschen Kommunisten eine beträchtliche Rolle. Die SED-Diktatur nach 1945 wurde einerseits durch die Übertragung des sowjetischen Modells geprägt sowie andererseits von den Erfahrungen der deutschen Kommunisten vor 1945.

Während die Forschung die Strukturen der KPD als Teil der von Moskau beherrschten Kommunistischen Internationale analysierte und sich (neuerdings) mit der Sozialgeschichte des deutschen Kommunismus beschäftigt, sind deren Akteure nur in Ausnahmefällen einbezogen worden. Bisher fehlte der historischen Forschung ein spezielles Biographisches Handbuch über den deutschen Kommunismus, welches ermöglicht, die Leitung der KPD über 25Jahre, von 1918 bis 1945, personell nachzuweisen.

Herkunft und Sozialisation, politischeAktivitäten und Karrieren der Führungspersonen werden nun ebenso beschriebenwie Opposition oder Anpassung an die jeweilige Parteilinie, Einsatz für die KPD oder Bruch mit ihr sowie Verfolgungen bis hin zum häufig tragischen Lebensende.

Die Erforschung der kommunistischen Parteielite (und damit auch die Schicksale deutscher Kommunisten in der Sowjetunion) wurde bis 1989 durch die Geheimhaltungspraxis kommunistischer Regime stark behindert. Seit der Öffnung derArchive in Moskau und in der früheren DDR gibt es die Chance, die Lebensläufe hoher Funktionäre der KPD von 1918 bis 1945 bis ins Detail zu beschreiben. Dadurch war es möglich, dieses Biographische Handbuch des Führungskorps derKPD zu erstellen.

Damit entstand auch eine Dokumentation der kaderpolitischen Veränderungen inden Führungsgremien der Partei während der Weimarer Republik sowie der zerschlagenenund ins Exil getriebenen KPD bis 1945. Hierdurch lassen sich dieWandlung der KPD zur Partei sowjetischen Typs, aber ebenso die Auswirkungendes nationalsozialistischen und insbesondere des stalinistischen Terrors nachweisen. Ein Biographisches Handbuch kann daher nicht nur das Funktionärskorps des deutschen Kommunismus bis zur Zäsur 1945 dokumentieren, sondern zugleich die kadermäßige Ausgangssituation in Deutschland bei Kriegsende.

Das vorliegende Biographische Handbuch kann Probleme des deutschen Kommunismus erklären helfen. Gerade die Lebensläufe der Parteiführer zeigen einerseits die dramatische Entwicklung des Kommunismus in Deutschland und belegen andererseits die erschreckend hohe Zahl der Opfer an Funktionären, die deren Kampf gegendie NS-Diktatur forderte. Sie lassen darüber hinaus die geradezu absurden katastrophalenVerhältnisse in der Stalin-Ära erkennen: Dort wurden mehr eigene Führer und Funktionäre umgebracht, als bei den Feinden des Kommunismus. Vor allemdiese unglaubliche Besonderheit der Geschichte des Stalinismus spiegelt sich in den Lebenswegen von Parteiführern der KPD.

Bei der Darstellung von 1.400 Biographien des Führungskorps der KPD konnten die Herausgeber zunächst auf Untersuchungen Hermann Webers wie »Die Wandlungdes deutschen Kommunismus«, Band 2 von 1969, sowie »Weiße Flecken inder Geschichte« von 1989 zurückgreifen. Anhand der bis 1990 gesperrten Aktenbeständeder SED und Überlieferungen des Moskauer Komintern-Archivs wurden Biographien nun überprüft, erweitert und korrigiert. Durch die Ausweitung des Untersuchungszeitraums auf die gesamten Jahre von 1918 bis 1945 erfährt der Leser viele neue, teilweise bisher unbekannte Lebensschicksale. Damit werden sowohl Mechanismen der Kaderpolitik als auch die wechselnde Zusammensetzungder Führung sowie Folgen des nationalsozialistischen und stalinistischen Terrors sichtbar.

Die Biographien sind von beiden Herausgebern gemeinsam erstellt worden, für die Einleitung trägt Hermann Weber die Verantwortung, für den Anhang Andreas Herbst.

Bei einem solchen Lexikon ist zahlreichen Institutionen und Personen zudanken, im Nachwort werden sie aufgeführt. Selbstverständlich sind weitere Hinweise sehr erwünscht.



Korrekturen nach Drucklegung / Einleitung